Zehn Uhr morgens in einem mit Lenin-Büsten dekorierten Café oberhalb der Torstraße. Fragt man herum, welcher Künstler oder welche Künstlerin es in der schon länger nicht mehr so jungen und wilden Kunststadt Berlin eigentlich noch bringt, hört man fast ausschließlich ihren Namen: Alicja Kwade, 38, im polnischen Kattowitz geboren, mit acht Jahren nach Deutschland gekommen, seit ihrem 19. Lebensjahr in Berlin. Kwade ist klassische Konzeptkünstlerin (Skulptur, Bildhauerei), im Mai wird sie auf der Biennale in Venedig ausstellen. Der Arbeit mit großen, symbolisch aufgeladenen Dingen (Stein, Glas, Ketten, Spiegel, Uhren) gehen bei ihr eine akribische Gedankenarbeit und das Wühlen in Büchern der Philosophie, Physik und Mathematik voraus (die Künstlerin kann ganze Abende lang über Werner Heisenberg referieren).

Da sitzt eine zierliche, toll wach und angeschaltet wirkende Frau am Tisch, die ein klares Bewusstsein davon hat, dass eine grüne Seidenbluse zu rotem Haar und weißem Teint natürlich super aussieht. Das hart gekochte Ei isst sie, ein Gruß an ihre polnische Herkunft, mit Meerrettich. Kwade erzählt, dass sie um die Tageszeit normalerweise schon zwei, drei Arbeitsbesuche bei Werkstätten hinter sich habe. Wann hat sie sich zum letzten Mal produktiv über Kunst unterhalten? Ja gut, sie rede ständig über Kunst, nicht immer produktiv, naturgemäß am öftesten mit ihrem Berliner Galeristen Johann König – meistens über ganz praktische Fragen: Gestern habe sie ihm geschrieben, dass sie gerne ein größeres Projekt in den Pariser Tuilerien angehen würde.

Eine Spießerfrage – vielleicht denken so nur die Leute, die keine Kunst machen und in Großraumbüros arbeiten: Hat sich das Kunstmachen seit Trump und Brexit verändert? Sind diese politisch angespannten Zeiten gut für die Kunst? Ihr Blick bittet um Verständnis: Da könnte sie jetzt drei Frühstücke lang drauf antworten. Sie denke unentwegt über Politik nach, die Flüchtlingskrise, die Europakrise: "Ich bin sehr aufgebracht über politische Ereignisse, mich geht das total etwas an. Aber ich würde das nie nach außen vermitteln." Ihre Kunst beschäftige sich nicht mit tagespolitischer Aktualität, sondern mit den uralten philosophischen Fragen: Warum sind die Dinge so, wie sie sind? Wie entstehen Ängste, wie Gruppendynamiken? "Mein Interesse ist es, den Homo sapiens zu verstehen, inklusive mich selber." Gibt es das, eine Intellektualitätsfalle? Also, kann man als Künstlerin auch zu hart und zu lange nachdenken? "Kann man, ja. Weil durch Denken auch Spontanität und Intuition verloren gehen. Ich bewundere Künstler, die einfach so draufloshauen, ich kann es ganz, ganz schwer. Ich brauche manchmal für jeden Zentimeter eine Erklärung."

Schau an: Das Fragen-Beantworten ist bei ihr ein leichtes und lebhaftes Spiel. Sie beherrscht beides, das Plaudern und die enorm verdichtete, pointierte, konzentrierte Aussage (meistens legt sie beide Stimmungen in eine Antwort). Sie soll jetzt kurz zu den sich widersprechenden Gerüchten, ihre polnische Herkunft betreffend, Stellung beziehen, sie stamme entweder aus einem beinharten, brandgefährlichen Arbeiterghetto oder aus einer Künstlerfamilie (beides ist Quatsch, sie hat keine Lust mehr, diesen Unsinn zu kommentieren).

Die Doppelkreuzkette, die sie um den Hals trägt, hat übrigens der amerikanische Künstler Jonathan Horowitz hergestellt. Kwades Lebenspartner, der Künstler Gregor Hildebrandt, hat sie ihr geschenkt. Ja. Und so weiter. Sie hat jetzt einen Termin bei der Traditionsgießerei Noack im Wedding. Die tausend anderen Dinge, die interessant wären, bespricht man vielleicht besser mal mit einem Bier in der Hand.

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