Eine der schönsten Geschichten auf der Welt handelt vom Fortschritt, und zwar so, dass sich sogar die eingebürgerte Fortschrittsskepsis erledigt: "Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist."

So sagte es Nestroy mit einer Formel, die sich Wittgenstein zum Motto seiner Philosophischen Untersuchungen aussuchte. Meine Fortschrittsgeschichte steht in Amerika verstehen von Ronald D. Gerste.

Gerste berichtet, "wie sehr amerikanischer Erfindergeist und amerikanische Innovationsfreude auf medizinischem Gebiet der ganzen Menschheit zugutegekommen sind": Im Massachusetts General Hospital in Boston fand am 16. Oktober 1846 eine Operation statt. Der Zahnarzt William Thomas Green Morton ließ, bevor der Operateur mit dem Skalpell kam, den Patienten ein paar Atemzüge aus einem Gefäß nehmen. Darin war Schwefeläther.

In dem heute "Ether Dome" genannten ehemaligen Hör- und Operationssaal fielen damals die bei allen chirurgischen Eingriffen üblichen Schmerzensschreie aus: Die Narkose war erfunden, sie "erlebte in diesem Saal ihre Welturaufführung – es war vielleicht die segensreichste aller amerikanischen Erfindungen".

Es ist ein Gemeinplatz, dass diese Seite der amerikanischen Kraft heute nicht den Vorrang hat, schon allein, weil das "America first" die USA nicht dazu programmiert, für die Menschheit etwas zu leisten. Aber auch für die Bürger der USA ist, wie Gerste schildert, das Gesundheitssystem eine nicht selten das Leben kostende Herausforderung. Der Autor berichtet von einem Fall, da nahm das Krankenhaus einer Kranken gleich 10.000 Dollar ab und zur Sicherheit auch die Kreditkarte.

Es wird einem wieder einmal klar, dass der sogenannte Kapitalismus (die Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche) keinen Platz lässt für den Vorrang des Humanitären. In den USA scheinen die Massen damit aber einverstanden, auch weil sie einen Freiheitsbegriff haben, der Eigentum und Erfolg als den Beleg fürs Freisein nimmt.

Daher ist eine politische Mechanik möglich, durch die ausgerechnet die am meisten ausgepowerten Menschen für die Reichen und Schönen votieren. Diese wiederum haben ein Interesse an der Zerstörung, die sie zu beseitigen versprechen: Die Zerstörung bringt sie endlich auch an die politische Macht.

Gerste beendet sein lesenswertes Buch mit einem Zitat von Abraham Lincoln: "Amerika wird niemals von außen zerstört werden. Wenn wir versagen und unsere Freiheiten verlieren, dann nur deshalb, weil wir uns selbst zerstört haben."

Ronald D. Gerste: Amerika verstehen. Geschichte, Politik und Kultur der USA; Klett-Cotta, Stuttgart 2017; 203 S., 9,95 €