Beim Schimpansen sind es 399, beim Orang-Utan sind es 434, und beim Menschen sind es etwa 1.390 Kubikzentimeter im Schnitt – bezogen auf das Körpergewicht, haben Primaten die größten Gehirne aller landlebenden Säugetiere. Mit der Frage, wieso sich das Hirn im Laufe der Evolution dramatisch vergrößert hat, beschäftigen sich Anthropologen seit Jahrzehnten. Populär ist die social brain- Hypothese: Das Leben in komplexen Sozialverbänden habe es erfordert, dass das Gehirn wuchs und immer komplexer wurde. Jetzt wollen Forscher der New York University diese Hypothese entkräften. Die Größe des Gehirns, sagen sie, hängt mit der Art der Ernährung zusammen.

Die social brain-Hypothese besagt, dass Primaten, die in Sozialverbänden leben und auf gemeinsames Planen und Handeln angewiesen sind, mehr nachdenken müssen. Die wachsende Hirnleistung habe dann im Zuge der Evolution die Vergrößerung des Hirns vorangetrieben. Es gelang der Forschung allerdings nie, die Verhaltensweisen und komplexen Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern quantitativ zu erfassen und mit der Gehirngröße in Beziehung zu setzen. Die New Yorker Anthropologen suchten nach anderen Erklärungen. Dazu verglichen sie die Daten von mehr als 140 Primatenarten. Sie definierten die Hirn- und Körpergröße als feste Variablen und setzten diese in Relation zur Gruppengröße, dem Sozialsystem sowie dem Paarungs- und Nahrungsverhalten der Primaten. Für die Studie verwendeten sie Befunde von eintausend verschiedenen Stammbäumen und kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Nicht die Größe der Gruppe oder das soziale System hängen mit der Gehirngröße zusammen. Sondern die Essgewohnheiten.

Primaten, die ausschließlich oder teilweise Früchte fressen, haben ein deutlich größeres Hirn als jene, die sich nur von Blättern ernähren. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher im Fachblatt Nature Ecology and Evolution.

Für diese Entwicklung gibt es nach der Auffassung der Forscher gute Gründe: Wer sich von Früchten ernährt, muss nach Nahrung suchen und sich im Wald gut auskennen, er muss aktiver sein und ist stärker auf seine kognitiven Fähigkeiten angewiesen. Fruchtfresser müssen räumliche Informationen speichern und abrufen können. "Früchte gibt es nicht überall und zu jeder Zeit, und sie müssen oft an schwer zugänglichen Stellen gepflückt oder von schützenden Schalen befreit werden", sagt die an der Studie beteiligte Primatologin Alexandra DeCasien.

Außerdem brauchen Fruchtfresser die kognitive Fähigkeit zur "gefilterten Futtersuche" – also zum gezielten Blick nach Futter wie reifen Früchten und Samen. Und: Wer sich von Früchten ernährt, kann sich einen höheren Energieumsatz leisten. Das ist wiederum für die Hirnentwicklung des Nachwuchses während der Schwangerschaft und Stillzeit unentbehrlich: Die Mutter kann dank ihrer nährstoffreichen Ernährung dem Nachwuchs für seine Hirnentwicklung viel Energie zur Verfügung stellen.

Blattfressende Primaten haben dagegen wenig Energie an die Nachkommen abzugeben. Einerseits weil das Blattwerk einen geringen Nährwert hat und andererseits, weil es mit einem höheren Aufwand verdaut werden muss. Dafür kommen die Blattfresser eben auch mit einer geringeren Hirnkapazität zurecht. Anders herum gesagt: Nur wer schwer erreichbare Nahrung frisst, muss auch viel im Kopf haben.