Kommenden Freitag, abends um acht, wird das Volk wieder belogen. Wie jeden Monat wird die Tagesschau die Zahl der Arbeitslosen melden. Es dürfte eine Zahl irgendwo bei 2,7 Millionen sein. Doch diese Zahl ist falsch. Manipuliert. Geschönt.

Das sagen jedenfalls Kritiker von AfD bis Linkspartei. Die "offiziellen Arbeitslosenstatistiken" seien eine "gezielte Desinformation", warnte im Februar zum Beispiel per Pressemitteilung der arbeits- und sozialpolitische Sprecher der AfD in Nordrhein-Westfalen. Zuletzt habe die Arbeitslosenquote nicht 6,74 Prozent betragen, sondern – richtig gerechnet – 11,64 Prozent. Die Linkspartei verbreitet auf einer eigenen Internetseite jeden Monat die "tatsächliche Arbeitslosigkeit". Danach waren im Februar nicht 2,76 Millionen Menschen arbeitslos, wie offiziell gemeldet, sondern 3,74 – also rund eine Million mehr. Im Internet kursieren noch höhere Zahlen. So behauptet Professor Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen in einem Video, es litten sechs Millionen unter Arbeitsmangel. Meldungen über einen "Frühling am Arbeitsmarkt" seien etwas "für Doofe", das sei "Volksverdummung". Das Video, das die "Dresdner Sozialwacht" hochgeladen hat, ist schon ein paar Jahre alt, aber es zeigt beispielhaft, was für Zahlen kursieren. Vier, sechs, zehn Millionen – alles ist im Angebot. Aber was stimmt?

Die Bundesagentur macht kein Geheimnis aus der tatsächlichen Lage

In ihrer krassen Form erscheint die Kritik überzogen, auch wenn sie einen wahren Kern hat. Richtig ist, dass nach den gesetzlichen Vorgaben viele Menschen nicht als arbeitslos zählen, die man landläufig dazurechnen würde. So fällt ein Erwerbsloser, der sich wegen Grippe krankmeldet, für die Zeit seiner Arbeitsunfähigkeit aus der Zählung (das betraf im Februar 82.675 Personen). Nicht mitgerechnet werden außerdem Klienten des Arbeitsamts, die an einem Bewerbungstraining oder einer Weiterbildung teilnehmen (411.640), die einen Ein-Euro-Job haben (74.675) oder die ein privater Bildungsträger betreut (226 863). Rechnet man weitere Gruppen hinzu, galten im Februar insgesamt 999.739 Menschen mit einem nachweislichen Beschäftigungsproblem als nicht arbeitslos.

Diese Zahlen sind deshalb so genau bekannt, weil die Bundesagentur für Arbeit sie jeden Monat selbst veröffentlicht. Sie weist sogar in ihrer allmonatlichen Pressemitteilung darauf hin, nicht versteckt, sondern gleich auf der ersten Seite. Dort steht, dass im Februar – Arbeitslose und andere zusammengerechnet – 3 762.000 Personen von "Unterbeschäftigung" betroffen waren. Es handelt sich also um kein Geheimnis.

Die Bundesagentur veröffentlicht seit vielen Jahren neben der Arbeitslosenzahl diese erweiterte Statistik. Sie zeigt langfristig den gleichen Trend wie die offizielle Arbeitslosigkeit: Seit 2005 sank auch die Zahl der "Unterbeschäftigten" – um 2,5 Millionen und damit sogar stärker als die Zahl der amtlich Arbeitslosen (um 2,1 Millionen). Insofern war der Erfolg sogar größer als offiziell gemeldet. Erst 2016 setzte eine Trendwende ein. Zuletzt wurden 150.000 Arbeitslose weniger als im Vorjahr gemeldet, aber es gab 50.000 mehr Unterbeschäftigte. Ein Grund dürften Flüchtlinge sein, die an Förderprogrammen teilnehmen. Insofern lohnt es sich, auf die Unterbeschäftigung zu achten.

Mit wenig Aufwand könnte der Gesetzgeber viel Kritik entkräften

Insgesamt gibt es also rund 3,76 Millionen Unterbeschäftigte. Im Internet werden aber noch höhere Werte genannt. Leiden in Wahrheit fünf oder gar sechs Millionen unter Arbeitsmangel? Es mag merkwürdig klingen, doch die eine wahre Zahl gibt es nicht. Es ist, wie wenn man die Sonnentage in einem Land zählen will. Ab wann soll ein Tag als Sonnentag gelten? Ab fünf Stunden Sonnenschein, ab zehn oder zwölf? Was ist bei diesigem Wetter? Berücksichtigt man den Niederschlag oder die Temperatur? Und wenn nur einige Regionen blauen Himmel melden? Das Problem erscheint simpel, trotzdem sind viele Lösungen denkbar.

Ähnlich ist es bei der Arbeitslosigkeit. Weltweit üblich ist eine Definition der Internationalen Arbeitsorganisation der UN. Sie wird zum Beispiel vom Statistischen Bundesamt verwendet. Danach gilt als arbeitslos, wer bei einer Umfrage angibt, dass er keinerlei bezahlter Beschäftigung nachgeht und sich in den vergangenen vier Wochen um einen Job bemüht hat. Das ergibt für Deutschland bloß 1,8 Millionen Arbeitslose. Danach wäre das Problem also viel kleiner als in der Tagesschau gemeldet. Man könnte behaupten: "In Wahrheit" gibt es viel weniger Arbeitslose.

Das Statistische Bundesamt führt aber auf Grundlage einer anderen Definition auch darüber Buch, wie groß das "ungenutzte Arbeitskräftepotenzial" ist. Dazu werden Bürger im Alter von 15 bis 74 (!) Jahren gefragt, ob sie gerne Arbeit oder "mehr Arbeit" hätten. Das bejahen unter anderem 1,5 Millionen Teilzeitbeschäftigte und sogar 1,2 Millionen Vollzeiterwerbstätige. So kommt man auf 5,7 Millionen Menschen, die unter Arbeitsmangel leiden. Aber soll man die alle "arbeitslos" nennen?

Man kann lange streiten, welches der beste Maßstab ist. Würde der Gesetzgeber zumindest erkrankte Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber und einige andere Kunden des Arbeitsamtes in die offizielle Zählung einbeziehen, wäre viel Kritik entkräftet.