Lag es daran, dass der Frühling so kalt war? Oder die Massen der aufgetakelten Manga-Fans, die aus der Leipziger Buchmesse gerne eine hochdrehende Kinderparty machen, wie ausgedünnt schienen? Es war wohl die Nachrichtenlage, die allem einen Fond der Ernsthaftigkeit verpasste. Push-up-Meldungen aus London, pünktlich zum Eintreffen der Gäste zum Festakt am Gewandhaus, eine atemlose Leichenzählung zu Bach und Mendelssohn-Bartholdy.

In London der Anschlag auf das Parlament, in Washington wüste Drohungen des Präsidenten gegenüber seinem Kongress, für den Fall, einer sollte es wagen, die Gesundheitsreform nicht durchzuwinken. Aus Ankara das hysterische Geschrei des türkischen Präsidenten, dem untersagt worden war, in Europa seine despotische Machtfülle zu bewerben – keine Meinungsfreiheit! Ausgerechnet. Hunderte von Autoren und Journalisten sind in der Türkei inhaftiert oder vertrieben. Die Bedrohung des freien Wortes treffe die Buchwelt in ihrem eigenen Kern, wie Alexander Sipris, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, scharf sagte. So ist es.

Wenige Tage zuvor war der Prozess gegen die vielfach preisgekrönte Autorin Aslı Erdoğan eröffnet worden, weil sie im Beirat einer kurdischen Zeitung aufgeführt wird. Anklage: Terrorismus, Strafdrohung: lebenslänglich. Es war ein Triumph, dass Aslı Erdoğan, die nicht reisen darf, auf der Buchmesse gleich doppelt präsent war. Punktgenau erschien ihr Buch Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch mit eindrucksvollen Reportagen und Essays aus einem Land, in dem Demonstranten vor den Gewehren um ihr Leben rennen und Menschen mit ihren Kindern in ihren Kellern brennen – es sind Texte, die erlittene Gewalt in eine Poesie des Schmerzes übersetzen (Knaus Verlag, 17,95 €). "In der Türkei ist Schreiben zu einer schicksalhaften Tätigkeit geworden, die sich oft so anfühlt, als ob ein Geschoss von einem hauchdünnen Papier zurückgeworfen wird und einen selbst trifft", zitierte Aslı Erdoğan sich selber, als sie dann tatsächlich zu großem Applaus in der Glashalle der Messe auf den Monitoren auftauchte.

Im Hintergrund wie eine alberne Reisewerbung das Blau des Bosporus, davor das Gesicht einer erschöpften Frau. Sie sagte: "Man kann hier nicht schreiben, ohne sich die Hand zu verbrennen, ohne dass die Hände und Arme und Haare brennen."

Es war ein Skype-typisches Wortfetzengespräch. Türkei? Ähnele immer mehr Nazideutschland. Also mehr als dem Land ihrer Kindheit. Heimat? Optimismus? Hatte sie die Frage verstanden? Hallo? In ihren Essays heißt es: "Geh bis an Deiner Sehnsucht Rand." Als Aslı Erdoğans Gesicht von den Monitoren verschwand, erschien auf den Gesichtern der Zuschauer, wie ein bleiches Nachbild, Beklommenheit.