Führt man mit Audrey Tang ein Gespräch, mündet es früher oder später in der Frage, welches Pronomen sie bevorzugt: er oder sie. "Für mich ist beides okay", sagt sie. Es ist ein Dienstag im Februar, Tang sitzt in ihrem Büro im Regierungsgebäude im Zentrum von Taiwans Hauptstadt Taipeh. Tangs Dienstsitz ist Design gewordenes Understatement: ein Schreibtisch, eine Sitzecke, ein Wandschrank – nichts deutet auf ihre Arbeit hin. Stünde nicht "Digital Minister Audrey Tang" über der Tür, könnte man das knapp 20 Quadratmeter große Büro auch für eine Besenkammer halten.

Seit sie im Oktober zur Digitalministerin von Taiwan ernannt worden ist, hat Tang weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Meist ging es in diesen Schlagzeilen um ihr Geschlecht. Der Digitalableger des Nachrichtensenders Al-Dschasira etwa betitelte ein Video über Tang so: Meet the world’s first transgender minister, "Gestatten: die erste Transgender-Ministerin der Welt". Tang freut sich über Presse, so ist es nicht, aber glücklich ist sie über solch eine Zeile nicht. Es gebe doch, findet sie, noch viel anderes, worüber sich berichten ließe: dass sie aus der Open-Source-Bewegung kommt und sich als "bürgerliche Hackerin" versteht. Dass sie mit 14 Jahren die Schule schmiss und sich das Programmieren selbst beigebracht hat. Dass sie mal für das US-Unternehmen Apple gearbeitet hat. Oder dass sie für ihren Posten in der Politik aus dem Ruhestand zurückgekehrt ist – obwohl sie erst 35 Jahre alt ist und damit die jüngste Ministerin in der Geschichte Taiwans.

Mit 14 schmeißt Audrey Tang die Schule, mit 33 geht sie in den Ruhestand

Tang soll die kleine Insel südöstlich vor China in die digitale Zukunft führen. Taiwans Wirtschaft produziert vor allem Hardware, eine Branche, die nicht mehr richtig wächst. Tang soll aus dem Hardware-Land Taiwan deshalb einen Software-Standort machen. Und sie soll die Insel aus der Abhängigkeit von China befreien, ihrem großen Nachbarn, der sie als sein Territorium beansprucht und international isoliert (siehe Kasten).

Tang stellt einen Projektor auf den Tisch in ihrer Sitzecke, dann öffnet sie auf ihrem Rechner die Internetseite der Asia Silicon Valley Development Agency (ASVDA). An der Wand erscheint eine Grafik, die an das Sonnensystem erinnert. In der Mitte liegt ein Ball, um den bunte Planeten kreisen. Auf den Planeten steht "Start-ups", "Konzerne", "Forschungseinrichtungen" und "Universitäten". Die ASVDA ist das taiwanische Pendant zur Industrie-4.0-Initiative der Bundesregierung. Mit ihr soll die Industrie digitalisiert werden. Tang hat die Aufsicht über die ASVDA, sie soll garantieren, dass aus dem taiwanischen Silicon Valley, das südwestlich von Taipeh entstehen soll, bald Software kommt, die Taiwan zukunftsfähig macht und das Land aus Chinas wirtschaftlicher Umarmung löst. Umgerechnet 350 Millionen US-Dollar würden dafür allein 2017 von der Regierung zur Verfügung gestellt, sagt Tang. Für Infrastruktur- und Breitbandausbau oder für die Vernetzung von Unternehmen und Hochschulen. Man plane keine Kopie des amerikanischen Silicon Valley, sagt sie, der Name des Vorhabens sei vielleicht etwas missverständlich, aber man wolle Taiwan besser an die Technologiezentren in Kalifornien anbinden. Was Taiwan am dringendsten brauche, sei eine Unternehmenskultur, die das Scheitern nicht dämonisiere. Und eine Bürokratie, die so entschlackt sei, dass Unternehmer es einfacher hätten, Start-ups zu gründen.

China ist in vielen Punkten das krasse Gegenteil des weltoffenen Taiwans: Zensoren gängeln die Medien, eine Staatspartei dominiert den Politbetrieb, und eine Ministerin, die zugleich Mann und Frau ist, wäre dort nicht vorstellbar. Audrey Tang steht für zwei Errungenschaften, bei denen Taiwan weltweit an der Spitze steht: transparente Regierungsführung. Und eine liberale Gesellschaft.

Tang wird 1981 in Taiwans Hauptstadt Taipeh geboren. Mit acht Jahren stößt sie bei einem ihrer Onkel auf ein Buch über die Programmiersprache Basic. Tang, die sich für Mathematik begeistert, fängt an, das Programmieren zu üben – ohne Computer, mit Papier und Stift. Die Erfahrung, nicht auf Hardware angewiesen zu sein, prägt sie. "Programmieren ist eine Art zu denken", sagt sie heute. Als sie 13 Jahre alt ist, fängt Tang an, sich in Internetforen mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Mit ihren Mitschülern kann sie immer weniger anfangen, empfindet sie als kindisch. Mit 14 beschließt sie, nicht länger zur Schule zu gehen. Ihre Lehrer protestieren, aber Tang lässt sich nicht beirren. Sie lernt fortan im Internet das, worauf sie Lust hat: Mathematik, Programmieren, Genderstudies. Außerdem besucht sie Kurse an der Nationaluniversität Taiwan. Mit 16 gründet sie ihre erste Firma, eine Suchmaschine für chinesischsprachige Songtexte. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie längst, dass sie sowohl Mann als auch Frau ist. Manchen Internetbekanntschaften stellt sie sich als Mann vor, anderen als Frau. 2005 schreibt sie in einem Blogeintrag: "Viele Jahre lang habe ich die Realität ausgeblendet und fast nur im Netz gelebt, weil mein Hirn wusste, dass ich eine Frau bin, aber die soziale Erwartung etwas anderes von mir verlangte." Das habe es "schwer gemacht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten".

In vielen Presseberichten heißt es, Tang habe eine Geschlechtsangleichung hinter sich. Das sei falsch, sagt sie. Mit Anfang 20 ändert sie ihren Namen und unterzieht sich einigen Operationen, lässt sich etwa die Barthaare entfernen und Botox in die Wangen spritzen. Aber eine Geschlechtsangleichung unternimmt sie nicht.