Eigentlich, sagt Wolfgang Soffner*, würde er den Menschen, über deren Schicksal er entscheidet, gern in die Augen gucken. Dem Familienvater, der behauptet, er käme aus Syrien. Dem Jungen aus Afghanistan, der erzählt, die Taliban hätten seine Familie bedroht. Der Frau, die sagt, sie habe im Irak gelebt, bis IS-Milizen sie vergewaltigt hätten. Eigentlich müsste Soffner ihnen zuhören, müsste Fragen stellen, müsste nachhaken, wenn ihm eine Geschichte unglaubwürdig erscheint.

Soffner ist Entscheider im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Er bestimmt, ob ein Asylbewerber anerkannt oder abgelehnt wird. Er weiß, dass es Schauspieler und Simulanten gibt, er kennt Flüchtlinge, die haben sich Taschentücher an die Augen gedrückt, die getränkt waren mit Zwiebelsaft. Er weiß aber auch, dass Menschen, die Schlimmes erlebt haben, darüber oft nicht sprechen können. "Bei denen muss man Vertrauen schaffen", sagt er, "da muss man wie ein Archäologe vorsichtig Schicht für Schicht abtragen, bis die Wahrheit zum Vorschein kommt."

Es ist schwierig geworden für Soffner, dieser Wahrheit näher zu kommen. Man kann sagen, dass ihm dabei eine große Unternehmensberatung in die Quere gekommen ist.

Früher haben Entscheider die Flüchtlinge selbst angehört, haben sich ihr Schicksal beschreiben lassen und dann entschieden. So sollte es auch heute noch laufen, laut einer Dienstanweisung des Bundesinnenministeriums, dem das Bundesamt untersteht. Tatsächlich aber herrscht Arbeitsteilung. Soffner hat keine Menschen vor sich, sondern Akten. Protokolle von Gesprächen, die andere Beamte mit den Flüchtlingen geführt haben, deren Asylgesuch Soffner prüft. Er entscheidet über Menschen, die er nie gesehen hat.

Die Trennung von Anhörer und Entscheider ist Teil des wohl radikalsten Arbeitsbeschleunigungsprogramms, das je einer bundesdeutschen Behörde verordnet wurde. Das offizielle Ziel: Die Beamten des Bundesamts sollen den Berg von Asylanträgen, der sich in den vergangenen Jahren aufgetürmt hat, bis Ende Mai abarbeiten. Das Programm haben sich Unternehmensberater ausgedacht. Sie sollten das Bundesamt wappnen für steigende Antragszahlen, sollten den Flüchtlingen die quälende Wartezeit verkürzen und der Regierung pünktlich vor der Bundestagswahl einen Erfolg bescheren. Tatsächlich haben sie dem Bundesamt geholfen, allein 2016 mehr als 700.000 Anträge zügig zu entscheiden. Gleichzeitig haben sie das Amt in eine knallharte Erledigungsfabrik verwandelt, in der nicht nur Arbeitsteilung herrscht, sondern auch Zeitdruck und Angst regieren.

Im Bundesamt geht es zwar schnell, aber nicht immer mit rechten Dingen zu

Der Druck ist so groß, dass er nach außen entweicht. Seit Ende Februar kursiert in der Behörde ein anonymer Brief von Mitarbeitern, darin steht: "Der Mitarbeiter als Mensch, der Asylbewerber sowieso (...) spielt keine Rolle mehr. Die Zahlenfetischisten regieren durch – Rechtsbrüche sind vollkommen egal." Kurz zuvor hatte sich der Personalrat in einem internen Brief an die Behördenleitung gewandt: Die Zielvorgaben seien utopisch und würden eine "fehlerhafte und oberflächliche Arbeitsweise begünstigen".

Asylanträge

in Deutschland, in Tausend

Quelle: Bamf © ZEIT-Grafik

Sprich: Im Bundesamt geht es jetzt zwar schnell, aber nicht immer mit rechten Dingen zu. Auch Asylanwälte und Richter, mit denen die ZEIT gesprochen hat, klagen über "oberflächliche Anhörungen" und "erschütternd schlechte Übersetzungen". Sie berichten von Flüchtlingen, die laut Gesetz niemals hätten in Deutschland bleiben dürfen, und solchen, die niemals hätten abgelehnt werden dürfen.