Das ist Sünde: Ein Mann lauscht dem Gesang einer Frau. Unweigerlich nimmt er Schaden. Allah hat ihn vollkommen erschaffen, doch der Lockruf der Sängerin erregt das perfekte Geschöpf und entfernt es vom idealen Urzustand – wie Alkohol. Deshalb ist weiblicher Sologesang vor Männern im Iran verboten.

Davon erzählt derzeit im Kino Ayat Najafis Dokumentarfilm No Land’s Song. Er zeigt die Odyssee der Teheraner Komponistin Sara Najafi, die der Frauenstimme wieder auf die Bühne helfen will. Das ist jetzt wundersam gelungen, freilich noch nicht im Iran. Berlin erlebte das Festival Female Voice of Iran – elf Sängerinnen, begleitet von drei Dutzend Musikern, die Festivaldirektor Andreas Rochholl persönlich in Teheran abholte. Ich habe noch auf dem Flughafen gebangt, sagte Rochholl. Ich fürchtete bis zum Start der Maschine, dass plötzlich jemand erscheint und sagt: Das war’s, die Reise findet nicht statt.

Doch die Iraner durften nach Deutschland, anders als jüngst die Gemälde der Fara-Diba-Sammlung. Veranstaltet wurde das Festival von der Zeitgenössischen Oper Berlin. Alles begann mit dem Enthusiasmus der iranischen Kuratorin. Die Musikethnologin Yalda Yazdani aus Isfahan reiste acht Jahre lang durch ihr riesiges Vielvölkerland, besuchte Sippen und Stämme und sammelte Frauenstimmen. Die Sängerinnen, die in Berlin zusammenkamen, kannten einander zuvor weder persönlich noch musikalisch. Wie auch? Im Iran existiert keine vernetzte Szene. Selbst die Aufzeichnung des eigenen Gesangs ist Frauen untersagt, weil die Konserve an männliche Ohren geraten könnte.

Aber welches Selbstvertrauen strahlten diese Künstlerinnen aus, allabendlich in der Villa Elisabeth. Der Galerie-Saal war erleuchtet wie ein andalusischer Hof. Dicht gedrängt umlagerten die Ohrenpilger ein teppichgeschmücktes Podest. Von der Empore klang ein Klageruf, dann eine lange, flatternde Koloratur. Die Stimme stieg herab und wurde Frau. Singend schritt sie aufs Podest. Jetzt rief eine zweite Stimme aus der Tiefe des Saals. Eine dritte Frau erschien, gleichfalls festlich gewandet, von vorn ... Die mondäne Teheranerin Haleh Seyfizadeh mäanderte dunkel und warm, ihre Stadtgenossin Zohre Gholipour gebieterisch klar. Solmaz Badri zelebrierte persische Klassik, Dena Gorginpoor Gesänge der Qashqai-Nomaden. Von der Mutter eskortiert wurde Yalda Abbasi aus Khorasan, das hellstimmige Küken des Festivals. Baran Mozafari aus Busher sang rituelle Weisen des Südirans, Zara Rojhellat und die Matrone Jivar Sheikholeslami tremolierten kurdische Folklore. Volksmusik mag man diese komplexen Klanggespinste nicht nennen. Almdudler brächen sich die Finger. Allerdings war auch eine Popsängerin annonciert. Shadi Behyar erwies sich als zarte Chansonette. Ihr Auftritt erdete den entrückten Lauscher, durch Publikumslärm. Wenn Iraner einen geraden Takt erkennen, dann klatschen sie wie die Rummeldeutschen.

Jede Sängerin konzertierte mit eigenem Kammer-Ensemble. Betörend fremd wirkt diese jahrtausendealte Musik: ihre orale Tradierung, ihre modale Struktur, ihre Instrumente – die Lauten Oud und Tar, die Spießgeige Kamanche, die Flöte Ney, die Klöppelzither Santoor, die Trommeln Daf und Tombak. Und natürlich die Sprache. Irans Gesangskultur ist hochliterarisch präformiert. Gesungen wird Dichtkunst, mit Vorliebe Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Deren Verse sind voller Liebe und Wein. Verboten? Keineswegs; offiziell liest man die Klassiker metaphorisch, als Poeten religiöser Räusche.

Diese irdisch-metaphysische Ambivalenz bildet den riesigen Hallraum der Musik. Weitenteils bleibt sie melodisch freier Fluss, ohne rhythmische Struktur. Workshops erläuterten die orientalischen Kompositionskonzepte Makaam und Dastgah, die den gesamten zentralasiatischen Kulturraum prägen. Unabdingbar gehört dazu die Improvisation, doch stimmlich-instrumentale Exzellenz bildet nur die handwerkliche Basis. Musik ist Geist. Wer singt, reproduziert keine fixierte Form, sondern erschafft das Lied in actu, durch seelischen Einklang. Gesang ist spirituelle Schöpfung, Freiheit in sich selbst. Vielleicht reizt das die Eifersucht des schiitischen Gottesstaats.