Mein Einleb-Zier-Spargel Gerhardt Hassan gedeiht. Das schließe ich aus seinem wachsenden Durst. Zu Beginn genügten ein paar Schlucke am Tag. Nun dürstet er morgens und abends. Kann aber auch damit zusammenhängen, dass er unweit der Heizung steht, die ich immer höher drehe, weil der Winter dann bald so white wäre (Knut hat das Wortspiel gefeiert). Wichtig zu erwähnen ist auch, dass Gerhardt Hassan in Gerhardt Hassan Illjanowitsch umbenannt wurde. Weil Katja mir erzählt hat, dass ihre Mutter aus Russland emigrierte, als sie selbst ein Jahr alt war. In ihrer Familie wurde aber nie Russisch gesprochen, damit man sich so richtig integriert in Hoyerswerda. Meine Familie spricht bis heute Russisch. Und jedes Mal, wenn ich spokoinaj nochi (Gute Nacht) oder moschet kurnjom? (Wollen wa eine quarzen?) zu Katja sage, strahlt sie süß wie ein russisches Plombir-Eis. Eine Matrjoschka wollte sie sich auch mal auf den Oberarm tätowieren lassen. Gerhardt Hassan Illjanowitschs neuer Name ist ein Signal gegen die Selbstverleugnung.

Außerdem habe ich in der Zwischenzeit meinen dritten Mitbewohner kennengelernt. Patrick, das WG-Nesthäkchen: "Grüß di." Erst 18 und selten außerhalb seines Zimmers anzutreffen, wo er friedlich mit seinen Internetfreunden Krieg spielt. Deswegen ist er meist in Eile. Er würde am liebsten Autolackierer werden. Einer von den kreativen, die Drachen und Flammen anbringen. Sich selbst hält er für sozial, seine Freunde eher für braun.

Eines Abends saßen wir beiden auf unserem Balkon, gegenüber dem ehemaligen Ewigkeitsbürgermeister. Den ich bisher übrigens nicht gesehen habe, nur einmal seine First Lady, die am Rechner arbeitete. Patrick, in Göda (ein Dorf im Umland Bautzens) geboren und aufgewachsen, sagte, dass er noch nie im Ausland gewesen sei. Und auch gar nicht hinwolle, weil: "Was gibt’s dort, was ich hier ni hab?" Und ich gab ihm den Rat eines Dreißigjährigen, dass das eine ganze Menge sei. "Na ja, bis 2030 kann man ja schon ins Weltall fliegen." – "Moment, du willst nicht ins Ausland, aber ins Weltall fliegen?" – "Noe", nickte Patrick freudig. Und beugte sich vor, um plötzlich ganz aufgeweckt hinzuzufügen: "Ich könnt’ dir ein halbes Gedicht über Antimaterie erzählen." – "Mach doch mal!" Patrick strich sich über die Jogginghose, zog noch mal an der Pall Mall und begann tatsächlich einen langen Monolog über Materie, Urknallenergie als zukünftigen Treibstoff der Raumfahrt, schwarze Löcher, Teilchenbeschleuniger und sich selbst bewegende Planeten. Bis ihm wieder einfiel, dass seine Freunde schon warten dürften, um weiter im Internet Krieg zu spielen.

Ernest, der allseits beliebte Einwandererhund aus Mauritius, ist unter Umständen der Deutscheste von uns. Als die Nachbarn außerhalb der im Mietrecht festgeschriebenen Zeiten bohrten, war er der Einzige, der bellte. Er ist ein echter Neupatriot und freut sich über jeden Busch, jede Grundschulmauer und jedes herumliegende Tetrapak Bautzens. Ich mag all meine Mitbewohner, aber das zwischen Ernest und mir, das ist etwas Besonderes. Wenn ich ihn zu seinen Integrationskursen ausführe und ein wenig auf gute Leine achte, unterhalten wir uns. Neulich kam ein Schreiben in seiner Sache. Die Stadtverwaltung wird Katja drei Euro und fünfzig Cent Hundesteuer zurücküberweisen.

Ich will es dem rechtschaffenen, in Biobeutel scheißenden Ernest gleichtun. Auf in die Innenstadt, Arbeit suchen! Aber welche? Vom Gardinenverkaufen verstehe ich nichts, auch nicht von Thaimassagen. Vielleicht bei der Zoohandlung am Buttermarkt? Hasen putzen und Katzenfutter stempeln, das krieg ich hin. Und sehe womöglich das gutmütigste, weil auf Tierliebe fixierte Bautzen.