Was für eine ungleiche Konstellation! Der eine: ein echtes Kraftkerlchen, drahtig, muskulös, bis in die kleinste Nervenfaserendverzweigung hinein gespannt und immer auf dem Sprung. Die anderen: eher nervös, fast ängstlich, mit frühen Schweißperlen auf der Stirn. Er spielt alle Rollen und spielt sie ihnen vor, den Schmeichler und Charmeur, den Hexenjäger, den Tambourmajor, den ganz großen Diktator und den verschmitzten Arlecchino. Hätte man den Ton zu diesem mit Höchstspannung erwarteten Rendezvous abgedreht, Körpersprache und Mienenspiel hätten immer noch 1.000 musikalische Geschichten erzählt, ach was: 1001! Darüber, wie Mozart gleichzeitig schlackenlos und saftig klingen kann. Oder darüber, wie fatalistisch der späte Tschaikowsky – als wäre es eine Interpretation der russischen Dirigentenlegende Jewgeni Mrawinski – bereits mit Schostakowitsch liebäugelt. In jedem Fall blickt er von Berlin aus stramm gen Osten und nicht, wie üblich, nur nach Wien.

Fließende, fliegende Arme, lüftelnde Zehenspitzen, Pirouetten, die sich ins Publikum drehen, Gesichter, denen man Titel geben möchte ("Der Fragende", "Das bittende Kind", "Das letzte Gericht") – Kirill Petrenko bietet auf, was er hat und was er kann, um zu zeigen, was er will: nicht nur der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker ab der fernen Saison 2019/20 sein und damit der legitime Nachfolger von Simon Rattle (und Claudio Abbado und Herbert von Karajan), sondern in jeder Beziehung der Richtige. Derjenige, nach dem sich ganz Berlin am besten jetzt schon sehnt, der bewundert wird und ein bisschen gefürchtet und am Ende, wer weiß, vielleicht sogar geliebt.

Die sehr lange Zeit des Aufeinanderzumäanderns von Dirigent und Orchester ist gewiss heikel: Wird Petrenko, werden die Philharmoniker im Herbst 2019 dieselben sein, als die sie einander im Juni 2015 erwählt haben, nach einer reichlich rumpeligen Prozedur? Natürlich nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass der 45-Jährige während seiner ersten Berliner Spielzeit noch Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München ist. Ein Bein im Operngraben – das dürfte die Konzentration aufs philharmonische Geschäft kaum stärken. Dirigiert hat Petrenko die Philharmoniker zuletzt 2013 und insgesamt, den Auftritt in der vergangenen Woche mitgezählt, überhaupt nur vier Mal. Entsprechend hoch war der Erwartungsdruck, und in der Gerüchteküche brodelte es. Proben hinter verschlossenen Türen, Spezialausweise selbst für Mitarbeiter, brummelnde Musiker ob der Akribie, die der Zukünftige so an den Tag legte. Einen persönlichen Dramaturgen soll er verlangt haben, was nachvollziehbar ist, weil Petrenko selbst nicht aus dem Konzertbereich stammt. Viel Zeit zum besseren Kennenlernen gönnt er sich und dem Orchester allerdings auch nicht: 2017/18 wird er einmal kommen, 2019 soll es eine kleine Sommertournee geben.

Mozarts Haffner-Sinfonie, eine Kantate von John Adams (dem philharmonischen Composer in Residence) und Tschaikowskys Pathétique – mit diesem Programm legte Kirill Petrenko nun seine ersten Karten auf den Tisch, fast eine Spur zu beherzt. Prompt fühlten sich die Philharmoniker irritiert, vor allem zu Beginn: diese Detailversessenheiten! Dieses minutiöse Vorfühlen eines jeden Gefühls! Einsätze wackelten, und einzelne Gruppen haderten mit der geforderten Präzision, sehr untypisch. Eine zu strikte dirigentische Kontrolle macht offenbar unsicher, nicht frei, und bringt eher Mimikry hervor als Musik.

Petrenkos Ansprüchen zu genügen und sich gleichzeitig von ihnen zu emanzipieren wird also die Aufgabe der Zukunft sein. Wie diese klingen kann, offenbarte die Pathétique nach der Pause. Wenn auf das Klarinettensolo im ersten Satz im fünffachen (!) Pianissimo ein Tutti-Schlag wie ein Axthieb folgt, wenn Petrenko die Musiker das Seufzerthema des Walzers quasi allein spielen lässt, wie unter den halb geschlossenen Lidern eines Krokodils, oder wenn im Finale ohne jede Tränenseligkeit die erlebte Welt in die erinnerte kippt und beides in h-Moll verlischt: dann scheint Scharouns Philharmonie zu atmen. Diesen Atem werden sie füreinander finden müssen, das "beste Orchester der Welt" und sein Dirigent. Erleichterung, Ovationen.