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Der Ausstoß von Treibhausgasen wächst, die Erderwärmung steigt, die extremen Wetterlagen nehmen dramatisch zu. Doch merkwürdigerweise befindet sich nicht nur der Globus in der Krise, sondern auch die Partei, die sich seiner Rettung verschrieben hat.

Am vergangenen Sonntag haben zum ersten Mal im beginnenden Wahljahr die grünen Alarmglocken geklingelt. Sicher hat die Niederlage der Grünen im Saarland, wo sie künftig nicht mehr im Landtag vertreten sind, ganz spezifische, nicht übertragbare Ursachen. Nur wird daraus für die Ökopartei auch keine beruhigende Botschaft. Ihre Umfragewerte in Nordrhein-Westfalen, wo im Mai gewählt wird, liegen irgendwo bei sechs Prozent, im Bund bei acht – oder weniger. Erfahrene Grüne vermerken in diesen Tagen düster, dass die Partei in den Prognosen seit je besser abschneidet als bei Wahlen. Demnach bewegt sie sich derzeit knapp über dem Existenzminimum.

Die grüne Krise hat sich bereits vor Martin Schulz angedeutet. Aber mit seiner Inthronisierung zum aussichtsreichen Kanzlerkandidaten hat sich die Lage der Ökopartei noch einmal verschärft. So positiv auch dort die Wiederbelebung des Wettbewerbs zwischen den Volksparteien gesehen wird, so unangenehm sind die unmittelbaren Konsequenzen für die Grünen selbst. Denn die Polarisierung lenkt das Interesse auf die beiden Großen, weg von den Bemühungen der kleinsten Oppositionspartei.

Die bewirtschaftet zwar – vom Klimawandel bis zur globalen Flüchtlingskrise – existenzielle politische Themenfelder. Aber zugleich kann sie nicht plausibel machen, auf welchem Wege sie nach der Wahl im Herbst ihre weitreichenden Veränderungswünsche verwirklichen könnte. Die Dringlichkeit ihrer Forderungen kontrastiert scharf mit der fehlenden Machtperspektive. Andauernd beteuern die Grünen, dass es ihnen zuerst um ihre politischen Ziele und erst dann um Koalitionen geht. Dabei wissen sie, dass es ihnen umso schwerer fällt, ihren Themen im Wahljahr Gewicht zu verleihen, je vager deren Realisierungschancen erscheinen. Ohne Machtperspektive keine thematische Präsenz, ohne Präsenz keine erfreulichen Wahlaussichten, ohne Wahlerfolg keine Machtperspektive. Das ist der Kreislauf, den die Grünen in den kommenden Monaten durchbrechen müssen.

Wann der jüngere Krisenzyklus der Partei begonnen hat, lässt sich ziemlich genau datieren. Es war die Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 2013, als nach der letzten Bundestagswahl die Sondierungsgespräche für eine schwarz-grüne Koalition platzten. Nach acht Jahren Opposition, einem ziemlich verfahrenen Wahljahr und einem enttäuschenden Ergebnis bot sich den Grünen am Ende doch noch die Chance auf eine Regierungsbeteiligung. Doch statt sich auf das Wagnis einzulassen, zog sich die Partei halb eingeschüchtert, halb trotzig auf die Oppositionsbänke zurück.

Dort wurde dann aus der verpassten Chance eine Option für die Zukunft. Nahezu drei Jahre lang gingen nicht nur eingefleischte Realos, sondern auch viele Linke davon aus, dass es beim nächsten Mal zu einer schwarz-grünen Koalition kommen würde. Schon mit ihrem gesellschaftspolitischen Modernisierungskurs, dem Atomausstieg und der Energiewende hatte sich Angela Merkel als grün-kompatible Kanzlerin empfohlen. Mit ihrer Flüchtlingspolitik im Sommer und Herbst 2015 schienen bei den Grünen dann die letzten Vorbehalte aufgebraucht.

So wirkte es nur konsequent, dass die Basis Anfang des Jahres ein Spitzenduo bestimmte, das sich seit Jahren bemüht, die Grünen für eine Zusammenarbeit mit der Union zu öffnen. Ironischerweise wurden Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir in dem Moment gekürt, als sich mit Martin Schulz erstmals seit Langem wieder die Möglichkeit eines künftigen SPD-Kanzlers andeutete. In den harschen Reaktionen, mit denen die beiden Grünen auf die Schulz-Euphorie der Genossen reagierten, zeigte sich für einen Augenblick das ganze strategische Dilemma der Ökopartei. Schulz schwächt Grüne und Union. Damit schwindet deren gemeinsame Machtperspektive, während die Wiederbelebung der SPD nicht automatisch neue Möglichkeiten hervorbringt. Rot-Grün ist noch immer keine realistische Option, mit der sich wieder Wahlkampf machen ließe. Und Rot-Rot-Grün bleibt, wie die Wahlen im Saarland gezeigt haben, in den Augen bürgerlicher Wähler eine problematische Sache.

Deshalb ist es für die Grünen – mit oder ohne Schulz – naheliegend, an ihrem "Kurs der Eigenständigkeit" festzuhalten. Der wurde im Jahr 2005 nach dem Ende der rot-grünen Koalition erfunden, nicht weil die Grünen auf Distanz zur SPD gehen wollten, sondern weil das Bündnis einfach keine Mehrheit mehr zustande brachte. Seither werben die Grünen mit ihren Inhalten, nicht mit Machtprojektionen um Wählerstimmen. "Wir sind eine Partei, die sich aus sich selbst heraus definiert", erklärt Tarek Al-Wazir, der in Hessen zusammen mit der CDU regiert. Die Grünen seien "anschlussfähig nach allen Seiten", was allerdings nur gut gehen könne, wenn die Partei das "Selbstbewusstsein ihrer inhaltlichen Überzeugung" auch wirklich ausstrahle.

Das klingt anspruchsvoll und souverän, ein wahlkämpferischer Königsweg. Man kann es auch kritischer sehen. "Eigenständigkeit" ist der passende Begriff, um den Mangel an Koalitionsperspektiven zu kaschieren. Oder um die demobilisierende Wirkung gegensätzlicher Optionen klein zu halten. Denn Schwarz-Grün ist für radikalere Grüne eine ebenso lähmende Aussicht wie Rot-Rot-Grün für viele Realpolitiker.