Wien, am Stadtrand: Die Wirtshäuser heißen hier Zum guten Tropfen oder Zum g’miatlichen Franz’l und sehen aus, als hätten sie schon lang die Schotten dicht gemacht. Aus einem Kellerlokal, einem berüchtigten Neonazi-Treff, hat die Polizei zuletzt einen rechtsextremen Sänger ("Rocker Rolf") herausgeholt, mitsamt antisemitischem Liederbuch. Heute stehen elegante, schwarz gekleidete Damen davor auf dem Trottoir. Sie sehen nach Kunstmilieu aus und wollen da rein. Auf ihren Einladungen steht: "Die Burschenschaft Hysteria gibt sich die Ehre".

Im holzvertäfelten Halbdunkel des Kellers, in dem sich bisher Wehrsportgruppen und Männerbünde trafen, sieht man nun Frauen in Uniform: schwarze Blazer, weiße Krägen, schmale Krawatten, weiße Handschuhe, rote Kappen. Im Internet war zu sehen, wie die Frauen ein paar Kerle aus dem Keller schleifen. Jetzt weiht die Hysteria ihre neue "Bude" ein, wie es im Burschenschaftlersprech heißt. Künftig können sie hier Pläne schmieden für ihre Mission. "Auf zum goldenen Matriarchat", brüllen sie und heulen im Chor wie ihr Wappentier, eine Hyäne mit weit aufgerissenem Maul. Dann stimmen sie feierlich eine Hymne an, die mit den Versen endet: "Brausend lasst den Ruf erschallen: Ehre, Freiheit, Vatermord!"

Die Szene wirkt wie der Wirklichkeit gewordene Albtraum all der Kritiker des Feminismus, die glauben, Männern würde etwas weggenommen, wenn Frauen ihre Rechte forderten. Denn diese Frauen sagen: "Wir glauben gemäß unseren traditionellen Werten, dass die Sphäre des aktiv öffentlich Politischen der Frau vorbehalten ist."

Schon letzten Herbst hat die Burschenschaft öffentlich das Patriarchat zu Grabe getragen. Auf der Prater Hauptallee, in Reih und Glied und im Gleichschritt. Zu dem Trauerfall war es gekommen, als im Frühling in Österreich ein neuer Bundespräsident gewählt werden sollte. Allerdings konnte die rechtspopulistische FPÖ die Niederlage ihres Kandidaten Norbert Hofer nicht verwinden. Sie suchte und fand kleine Verfahrensfehler, aufgrund derer sie eine Wiederholung der Wahl erzwang. Männer, schloss die Hysteria, seien mit ihrem Wahlrecht offenbar überfordert. Deshalb verlangt sie die "endgültige Einschränkung des Männerwahlrechts". Weitere Forderungen: eine Frauen- und Transgenderquote von 80 Prozent in allen öffentlichen Ämtern. Die Todesstrafe für Männer, die nicht gendern, also beim Sprechen keine weiblichen Formen verwenden. Eine Abtreibung dürfte maximal 20 Euro kosten, ab der dritten solle jede weitere gratis sein. Und heterosexueller Sex, der für die beteiligte Frau ohne Orgasmus ende, habe de jure als Nötigung zu gelten.

Als österreichische Medien auf sie aufmerksam wurden, beschrieben sie die Burschenschaft als ein ganz köstliches feministisches Satireprojekt. Diese Bezeichnung lehnt die Hysteria ab und spricht deshalb ungern mit der Presse. Wenn doch, dann nur in einem offiziös-ideologischen Ton und unter ihren Verbindungsnamen: Sprenghilde, Polyxena oder Rothraut.

Auch ich werde nur unter strengen Geheimhaltungsauflagen zur Einweihungsparty der Hysteria zugelassen. Ich muss ein Schildchen am Revers tragen, auf dem in Fraktur steht: "Systempresse", damit die Burschen vor mir nicht aus Versehen aus der Rolle fallen. So bekommt auch die Beobachterin eine Rolle zugeteilt. Selbst wenn es sich also um einen gespielten Witz handeln sollte, an dem ich hier teilnehme, gibt es keinen Rand oder Zuschauerraum, von dem aus ich unbeteiligt zuschauen könnte. Die Situation wird zu einer Form von Realität.

Getrunken wird dabei, wie es sich für Burschenschaften gehört, mit Durst. Es gibt ein Buffet, auf dem ein Schild (abermals in Fraktur) einen Teil der Speisen als "vegan" auszeichnet. Gellend ertönt der Ruf "Silentium!", und der offizielle Teil des Abends beginnt: In feierlichen Reden preisen die Burschen, bebend vor Pathos, ihre Taten und Heldinnen. Etwa Leopoldine von Österreich, jene Habsburgerin und spätere Kaiserin von Brasilien, die schon 1810 die Hysteria gegründet haben soll. In der Netzöffentlichkeit der Gegenwart trat die Burschenschaft allerdings erst ab Januar 2016 auf.

Seitdem hat sie einiges erledigt. An vielen Stellen im Raum, kann man zum Beispiel erkennen, wo die Burschen die Insignien der Rechten geschleift haben: ein aus Fliesen geformtes eisernes Kreuz abgeschlagen, Poster mit fremdenfeindlichen Sprüchen von der Wand genommen. Noch schaudert es die Frauen beim Gedanken an die Vormieter. Aber wie sie mit der Bestimmerlust spielender Kinder den Partykeller der Nazis eben einfach übernommen haben, kapern sie auch die Rituale, Lieder und den Habitus rechter Burschenschaften. Sie nutzen sie für ihre eigenen Zwecke und Pointen. Die Taktik erinnert an die sozialen Plastiken von Joseph Beuys oder Christoph Schlingensief: Gesellschaftliche Wirklichkeit wird zu Material, das sich umformen lässt. Einige der Hysteren, hört man, sind auch im gewöhnlichen Leben Künstlerinnen.