* 11. 1. 1945 - † 28. 3. 2017

Das deutsche Kino der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit hatte einen enormen Bedarf an unschuldigen, aber tatkräftigen Mädchen, die von der Geschichte und der Bausparvertragswerbung dazu auserkoren waren, in Alpenregionen und auf Ponyhöfen Erlösungsstimmung und Sanftmut zu verbreiten. Alte, geschlagene, versteinerte Männer mussten mit der gleichen Sehnsucht auf sie blicken wie die neureichen, übergewichtigen Fabrikanten dieses Kinos. Christine Kaufmann war das seelenvollste dieser Mädchen, das zerbrechlichste und stärkste vielleicht. Durch ihre hellen Augen konnte das Publikum wer weiß wohin gucken. Sie war 1954 das Rosen-Resli, das Waisenkind, an dem die alte und die neue Schuld wieder gut werden wird. Rehabilitierung (hier am Beispiel eines falsch verdächtigten Arztes) war das Zauberwort!

Für die Mädchen des deutschen Kinos – auch Romy Schneider – war es schwer, sich aus dem Traumreich der alten Männer zu befreien. Filme wie Ein Herz schlägt für Erika oder Die singenden Engel von Tirol, alles Kassenschlager, brachten Kaufmann den Glanz des Kinderstars und das Elend einer Fixierung. Die Befreiung konnte in der Heimat nicht gelingen. Ein paar Jahre lang versuchte sie ihr Glück im italienischen Genrekino. Nach Deutschland kehrte sie 1961 zurück, in der bizarren John-Knittel-Verfilmung Via Mala. Da war klar, was aus dem Erlöser-Mädchen werden musste: das Opfer in einem inzestuösen, kaputten Familienroman.

Ihre Hollywoodkarriere war, wie die vieler Mädchen des deutschen Kinos, eher kurz. Sie war diese etwas ätherische europäische Schönheit, für die Tony Curtis Janet Leigh verlassen hatte. Als Christine Kaufmann nach Deutschland zurückgekehrt war, brach das deutsche Kino gerade auseinander. Das Fernsehen, vor allem Krimiserien, wurde die neue Heimat der Schauspielerin, bis sie in den achtziger Jahren von jüngeren Filmemachern wiederentdeckt wurde. Dass sie bei Fassbinder, in Lili Marleen oder Lola, oder dann bei Helmut Dietl in Monaco Franze stets die Figur am Rande blieb, sagt nichts über ihre Wirkung aus. Sie spielte dieses Am-Rande-Sein perfekt und war nach wie vor eine Schönheit, nur knapp noch von dieser Welt. Nachdem Aktaufnahmen von ihr im Playboy erschienen waren, erhielt sie den Beinamen der "schönsten Großmutter Deutschlands". Als Autorin in eigener Sache vertrat sie eine Kosmetiklinie. So war sie, noch einmal, Bewahrerin einer Schönheit von leichter Transzendenz.

Von niemandem sonst als von Christine Kaufmann kann man sich so leicht vorstellen, dass sie nicht gestorben, sondern – am vergangenen Dienstag in München – entschwebt ist.