Dave Eggers gehört zu den Stars unter den amerikanischen Autoren. 1970 geboren, erhielt er schon mit 30 eine Nominierung für den Pulitzer-Preis. Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität (mit autobiografischem Hintergrund und etwas unbescheidenem Titel) erklärten mehrere Zeitungen zum besten Buch des Jahres. Sein Roman The Circle wurde weltweit als Warnung vor der sanften und nicht so sanften Macht der IT-Konzerne wahrgenommen und gerühmt als aktuelle Fortschreibung von Orwells 1984. Er fungiert als Herausgeber und Autor literarisch-satirischer Zeitschriften, er engagiert sich für afrikanische Flüchtlinge und gegen Donald Trump. Das Time Magazine hat ihn einmal zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gerechnet.

Doch ein Aspekt dieses imposanten Œuvres bereitet selbst seinen Lobrednern Verlegenheit, und das ist Eggers’ Stil. Lessing hatte die Behauptung gewagt, dass Raffael auch dann ein großer Künstler geworden wäre, wäre er ohne Hände geboren. Ob ein Autor auch dann ein bedeutender sein kann, wenn seine Sprache Defizite aufweist, das ist gewiss eine schwierige Frage. Ihr muss man sich stellen, wenn man über Eggers’ neuen Roman spricht, Bis an die Grenze, welcher von der Zahnärztin Josie handelt, die eines Tages von allem die Nase voll hat, ihre zwei Kinder schnappt und abhaut nach Alaska. Besser, man stellt sich dieser Frage gleich, denn nur so gewinnt man die Freiheit, anschließend die Verdienste des Buchs ins Auge zu fassen.

Natürlich neigt man dazu, erst einmal den Übersetzer zu verdächtigen. (In diesem Falle sind es zwei, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, die schon viele Bücher von Eggers ins Deutsche übertragen haben.) Wenn da von einem "Stammbaumbuch" die Rede ist statt von einem Familienstammbuch, dann scheint dieser Verdacht auch nicht ganz unberechtigt. Eine Schülermutter schreibt eine Mail an Josie über deren Sohn: "Ich glaube, ich habe ihn aufgenommen, zumindest ganz kurz." Aus dem Zusammenhang der Szene lässt sich erschließen, dass die Aufnahme eine filmische war; aber die vielen Bedeutungen, die das deutsche "aufnehmen" sonst noch hat, haben die Übersetzer nicht mitbedacht, und so entsteht Verwirrung. Solche Dinge unterlaufen auch erfahrenen Übersetzern, wenn sie unter Zeitdruck arbeiten müssen. Aber das meiste, was hier verdreht oder missraten wirkt, geht auf die Rechnung des Autors selbst. "Jetzt gibt es, schleichend wie ein wohlmeinendes, aber letzten Endes alles überwucherndes und tödliches Unkraut, neue und vage Halbverpflichtungen, die alles Wachstum in diesem Garten ersticken, der auch als menschliche Produktivität und nationales Bruttoinlandsprodukt betrachtet werden könnte." Das "wohlmeinende" Unkraut mag immerhin auf deutschem Mist gewachsen sein; die überdehnte und missglückte Metapher aber gehört schon dem englischen Original an. "Und sie fragte sich, was es mit den Genen auf sich hatte, die sie besaß, mit irgendeinem erstickenden DNA-Strang, der ihr tagtäglich sagte, dass sie nicht da war, wo sie sein sollte." Wir haben hier also einen Strang, der zunächst eine molekulare Anordnung meint, sodann aber zweitverwendet wird als Strang des Henkers, denn er wirkt erstickend; und darüber hinaus plaudert er gern mit derjenigen, die er doch würgt.

Das also musste gesagt werden. Wenn man Eggers’ Roman dennoch als ein packendes, ja ein gutes Buch empfindet, so hat das mit seiner erzählerischen Haltung zu tun. Es ist, wie wenn man einem schlechten Tänzer zusähe, der aber an Leidenschaft die anderen übertrifft: kein schöner Anblick, aber einer, der fasziniert.

Josie erscheint nicht unbedingt als eine sympathische Figur. Doch der Erzähler sieht und fühlt die Welt wie sie. Wo er genau steht, lässt sich nur schwer angeben – bestimmt auf ihrer Seite, aber er vermag weiter zu schauen als sie. "Wer waren diese beschissenen Leute, die sie umgaben? Was sollte das alles? Es war bedeutungslos, und sie schuldete immer noch so viel Geld für die Geräte, sie war eine Sklavin des Ganzen, wer waren diese beschissenen Mitarbeiter, die keine Ahnung von dem schraubstockartigen Druck hatten, den die hohen Schulden in ihrem Schädel auslösten?" Das sind bestimmt ganz unmittelbar die Gedanken, die der Zahnärztin durch den Kopf gehen, wenn sie den Krempel hinschmeißt, und so weit liegt ein klassischer Fall personalen Erzählens vor. Doch wenig später heißt es: "Aber konnte sie wirklich in einem Land aus Bergen und Licht neugeboren werden? Wohl kaum." Josie mag es sein, die die Frage stellt; Antwort indessen gibt eine Instanz, die Dinge weiß, die Josie nicht weiß oder wissen will. Das Bild springt vom Ausschnitt in die Totale, auf einmal sieht man Josie, wie sie mit ihrer Restfamilie planlos und ganz klein im altersschwachen Wohnmobil durchs riesige Alaska kurvt und begreift: Gut gehen kann das keinesfalls.

Was Josie tut, trägt das Zeichen der Halbherzigkeit. Sie will so weit wie möglich weg von allem, aber weil sie keinen Pass hat, muss sie dabei innerhalb der USA bleiben – darum eben fällt ihre Wahl auf Alaska, jenen Bundesstaat, der sich den doppelsinnigen Spitznamen "The Last Frontier" gegeben hat. Wer hier das Reich der Freiheit vermutet, der findet sich bald getäuscht: Die Wildnis ist zwar da, aber man kommt nicht hinein. Stattdessen drängt sich alles in die kleinen Orte und die Trailerparks, und wenn Josie das Wohnmobil über Nacht irgendwo am Straßenrand abstellt, dann dauert es nicht lang, bis ein Polizist ans Wagenfenster klopft und ihr sagt, sie könne hier nicht bleiben. Immer wieder müssen sie weiter, weil sie, teils ohne es zu ahnen, in vorhandene Besitzverhältnisse einbrechen.

Wütend, anspruchsvoll und dabei unfähig, über den eigenen Tellerrand hinauszugucken: so gleicht Josie einem großen Segment der amerikanischen Gesellschaft. Sie gehört zur abgleitenden weißen Mittelschicht. Wenn Josie gewählt hätte (hat sie wahrscheinlich nicht), dann bestimmt Donald Trump. Ein Schadensersatzprozess wegen eines angeblichen Kunstfehlers hat ihre Praxis ruiniert, für alles Weitere müssen jetzt 3.000 Dollar cash in einem Beutel reichen. Der ständigen Belastung, den Laden ganz allein zusammenzuhalten (ihr Ehemann, der sie für eine Jüngere verlassen hat, taugt keinen Schuss Pulver), ist sie nur gewachsen, wenn sie sich schon am Nachmittag die ein oder andere Plastiktasse mit Pinot Noir gönnt. "Eine beschwipste Mutter ist eine liebende Mutter, eine Mutter, deren Freude, Zuneigung, Dankbarkeit vorbehaltlos sind. Eine beschwipste Mutter ist reine Liebe und keinerlei Zurückhaltung."

Der Erzähler (und mit ihm der Leser) weiß, dass sie sich da was vormacht, ja, dass sie sich und ihre Kinder mit solchen Ausreden in Gefahr bringt; und doch verrät er seine Josie nicht – sowenig wie ihre Kinder, den achtjährigen Paul, der allzu früh in die Rolle des Verantwortlichen in der Familie hineinwächst, und die fünfjährige Ana, die mit ihren grünen Augen und brandroten Haaren aussieht wie ein Kobold und jeden Gegenstand innerhalb von Minuten kaputt kriegt. Josie steckt voller Selbstmitleid, Ressentiments und Illusionen, aber eben auch voller Hoffnung und Liebe und beweist, auf ihre absurde Art, ein erhebliches Maß an Tapferkeit.

Die anrührendsten Passagen des Buchs sind jene, in denen die kleine Familie unvermutet fremder Großmut begegnet. Die drei schauen sehnsüchtig von außen bei einer Hochzeit zu, da tritt plötzlich ein älterer Herr an sie heran – aber nicht, um sie mal wieder zu verscheuchen, sondern um sie einzuladen. Gegen Ende des Buchs, als sich der alaskische Sommer neigt und sich immer weniger leugnen lässt, dass ihre Flucht sie in eine Sackgasse geführt hat, schaffen es Josie, Paul und Ana bei einem Unwetter mit knapper Not, eine Hütte im Wald zu erreichen; dort aber ist überraschenderweise alles vorbereitet für ein offenbar abgesagtes Fest. Ein Schild verkündet: "Willkommen zum Stromberg-Familientreffen!" Dann ziehen sie ihre durchnässte Kleidung aus, kriechen nackt unter eine Wolldecke und essen und trinken alles, was sie finden, wild durcheinander. "'Wer sind die Strombergs?', fragte Paul. 'Heute sind wir die Strombergs', sagte Josie."

Dave Eggers "Bis an die Grenze"; Köln; Kiepenheuer & Witsch; aus dem amerik. Engl. v. Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann; 23,- Euro