Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Schon wieder haben die Propheten des Politikbetriebs versagt. So hört man es nach den Wahlen im Saarland allenthalben. Die Wahlprognosen, die in den letzten Wochen und Tagen auf Bildschirmen und Zeitungsseiten zu sehen waren, mit Tortendiagrammen und in bunten Farben, animiert oder mit sonorer Erklärstimme unterlegt, sind mehrfach hintereinander nicht eingetroffen.

In der Welt der Propheten könnte das sogar ein gutes Zeichen sein, in der Bibel sind gute Propheten nämlich die, deren Vorhersage nicht eintrifft. Die anderen sind Teil eines Prophetenbetriebs, denen mit Skepsis zu begegnen ist.

Doch Wahlforscher sind keine Propheten. Sie schauen auch nicht in ominöse Glaskugeln und müssen sich nun dafür rechtfertigen, dass ihr siebter Sinn versagt. Wahlforscher sind Statistiker. Sie haben nichts anderes als Umfragen in einem kleinen Feld. Sie haben oft nicht mal Zeit, gründliche Befragungen durchzuführen, und verlassen sich auf Telefonumfragen, Handys ausgenommen. Was das in einer Zeit bedeutet, wo viele Menschen nur noch mobil erreichbar sind, kann man sich auch dann ausrechnen, wenn man eine Fünf in Prozentrechnen hatte. Außerdem sagt am Telefon nicht jeder wildfremden Leuten die Wahrheit. Warum auch, wenn man im Grunde erst ein paar Minuten vor der Wahl weiß, wo das Kreuzchen hin soll?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Die Wahlprognose ist ein Markt geworden, weil wir gierig auf Vorhersagen sind. Neben sehr gründlichen Instituten mischen allerhand Leute mit, deren Seriosität ziemlich umstritten ist. Schlimm genug, aber unbedenklich, wenn Journalisten und Bürger sich die Mühe machten, das Kleingedruckte mitzulesen. Wenn etwa eine 86-prozentige Wahrscheinlichkeit besteht, dass Mister X oder Madame Y eine Wahl gewinnt, dann bleibt noch ziemlich viel Spielraum für den politischen Gegner. Doch wer will sich schon mit der Tücke von mathematischen und gefühlten Wahrscheinlichkeiten auseinandersetzen? Manchmal ist es vielleicht sogar so, dass die Prognosen selbst das Wahlverhalten ändern. Mensch, denkt der eine oder die andere, wenn der Balken bei dieser Partei so in die Höhe schnellt, dann muss ich wohl mal wählen gehen.

In jedem Falle gilt, dass das Wahlvolk eigenwilliger ist als die Mathematik, die ihre Berechenbarkeit suggeriert. Nein, Wahlprognosen sind keine Prophetie. Gute Wahlforscher behaupten das auch gar nicht. Deshalb muss nach dem Glaubenshoch jetzt auch keine Glaubenskrise folgen. Es gilt: genau hingucken. Im Grunde sind die Fehlurteile doch eine gute Nachricht: Demokratie bleibt spannend, weil sie von der Urteilskraft der Bürger lebt und nicht von der Finesse der Statistiker und Umfrageinstitute.