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Seit der jüngsten Krise stellt mir jeder, mit dem ich in Deutschland spreche, dieselbe Frage: "Sollen wir sämtliche Beziehungen zu Erdoğan, der uns 'Nazis' nennt, abbrechen? Oder sollen wir ihn ignorieren?" Da ich sehe, welche Empörung der Nazi-Vergleich auslöst, fällt es schwer, für Ignorieren zu plädieren. Anzumerken ist aber: Erdoğan spricht im Grunde nicht die deutsche Regierung an, sondern die eigene Basis. Da in der Türkei kein Gegner verblieben ist, auf den er seine Anhänger hetzen könnte, konstruiert er einen "äußeren Feind" und versucht vor dem Referendum, darüber Kräfte zu mobilisieren. Und ist froh, wenn man sich auf die "Feind"-Polemik einlässt.

Deutschlands Problem ist, dass es seine gesamte Türkei-Politik auf Erdoğan gründet. So reißt in dem Moment, da die Verbindung zu Erdoğan abreißt, auch das Band zur Türkei. Das Land besteht aber nicht aus Erdoğan allein, wie ich immer wieder betone.

Die Polarisierung in der Türkei spiegelt sich auch in Deutschland wider. In dieser Situation sollte es nicht die Politik der deutschen Regierung sein, die Entzweiung zu vertiefen. Es wäre schön gewesen, wenn Merkel an dem Punkt, da die Krise eskalierte, Vertreter der in Deutschland lebenden Türken eingeladen, an einen Tisch gebracht und sich ihre Sorgen angehört hätte. Damit hätte sie ein Beispiel für eine Politik des Dialogs gegeben und die Chance gehabt, die Meinung von Menschen aller Couleur aus der Türkei hier zu erfahren und für Entspannung zu sorgen.

Die Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei kämpft für Freiheit gegen eine Regierung auf dem Weg in die Diktatur. Interventionen von außen können diesem Kampf nur schaden. Im Augenblick ist internationale Solidarität auf gesellschaftlicher Ebene wertvoller denn je. Beispielsweise Solidarität deutscher Parlamentarier mit inhaftierten türkischen Abgeordneten, Begegnungen deutscher Universitätsangehöriger mit entlassenen türkischen Akademikern, Partnerschaften deutscher Städte mit zerstörten kurdischen Städten, gemeinsame Berichterstattung deutscher Medien mit Medien in der Türkei, Unterstützung von Parteien, Gewerkschaften, Anwaltskammern, Berufsverbänden, Nichtregierungsorganisationen, Frauen- und Jugendorganisationen, Herausgabe zweisprachiger Bücher durch Verlage, Aufbau von Sendern, die die türkische Community in Deutschland mit seriösen Meldungen versorgen, mehr Gemeinschaftsproduktionen von Künstlern, Gründung von Türkei-Lehrstühlen an deutschen Universitäten und vieles andere mehr.

Letzte Woche lud mich eine Gruppe Repräsentanten deutscher Marken ein und fragte mich, was ich davon halte, Investitionen aus der Türkei abzuziehen. Ich sagte: "Machen Sie Rechtsstaatlichkeit zur Bedingung für Investitionen, die haben Sie so nötig wie wir." Genau wie eine demokratische Türkei ...

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe