Große Innovationen kommen lässig daher. Der Rapper Drake zum Beispiel. Sagt einfach: Mein neues Album ist kein Album. Sondern eine Playlist. Das Album war mal die Entsprechung zum Roman, durchkonzipiert und -arrangiert, eine Erzählung mit Kapiteln/Songs, in denen ein Leitmotiv zum Ausdruck kam. Und jetzt: More Life, 22 Stücke, ausgewiesen als Abspielliste, wie man sie von Spotify kennt. Drake ist Weltmeister auf Spotify und anderen Streaming-Diensten, fast neun Milliarden Mal wurden seine Songs bislang geklickt. Auch More Life brach in der ersten Woche nach Erscheinen Rekorde: 505.000-mal wurde das Werk im Netz verkauft.

Playlist, das heißt hier: ein locker kuratiertes Ensemble von Stimmungen, Eindrücken, Motiven. Kein Formzwang, keine thematische Geschlossenheit. Soul, Hip-Hop, R & B, Afrobeat, House, klar doch, immer herein damit. Wäre da nicht die schnarrende Stimme des Künstlers, man wüsste kaum, dass dieses Werk von einer artistischen Vision zusammengehalten wird. Sie besteht darin, die Idee der Vision zu schleifen. Dekonstruieren sagte man früher, was so viel hieß wie: etwas sehr Gültiges in etwas sehr Fragwürdiges verwandeln.

Die Vorstellung vom Künstlersouverän, der seine Schöpfung kontrolliert und ästhetisch die Richtung vorgibt, war so ein kulturhistorisch gültiges Konzept. Mit der Playlist hat es definitiv ausgespielt. Ein halbes Dutzend Musiker treten auf, mit Drake als Gastgeber und Impresario. Jamaikanische Rapper, englische Soulsängerinnen, texanische Hip-Hopper – eine Playlist kann ihre Protagonisten ebenso schnell wechseln wie ihre Tonlage, und deshalb ist dieses Werk postmodern im besten Sinne. Flüchtigkeit und Beiläufig- keit, die Charakteristika des Netzes, als stilprägende Geste.

Der Sound des Ganzen: sparsam, durchlässig. Ein guter Song funktioniert auch als Klingelton, deshalb muss die Orchestrierung reduziert sein aufs Maximum. Beats hart, Bässe tief, Streicher nervös, und gelegentlich darf mal ein ausgeleiertes Piano dazwischenquengeln, Marke Saloon kurz vor dem Shoot-out.

Ein paar thematische Standards, die Drake mit den bisherigen Alben etabliert hat, gibt es schon: das Niedermachen der Konkurrenz; das ins Weinerliche gehende Enttäuschtsein von Kollegen und Konkurrenten; die Inspektion der narzisstischen Libido.

Im Song Passionfruit wird die Fernbeziehung besprochen ("Schwer, aus der Ferne Vertrauen aufzubauen"), in Get Together erreicht die Paardiagnostik zenbuddhistisches Niveau: "You need me to get it together / So we can get together".

Sehr cool und metaphernhistorisch einwandfrei mit der deutschen Romantik vermittelbar: "My heart is way too frozen to get broken" (aus dem Stück Madiba Riddim). Oder die Neuauflage des Jennifer-Lopez-Hits If You Had My Love. Es klingt, als würde Kermit, der Frosch, ein Kunstlied von Schumann singen. Wehmütiger kann Pop nicht sein.

Und eben der Stress mit den Neidern, Miesmachern, Trittbrettfahrern. Amüsant eigentlich, dass ein Stimmen- und Ideenkompilierer wie Drake einen Beef – Hip-Hop-Jargon für Künstlerkontroverse – mit dem Rapper Meek Mill hatte, der ihn bezichtigte, seine Texte nicht selber zu schreiben. Solche Ehrabschneider werden auch in der Playlist zurechtgewiesen beziehungsweise desillusioniert: "Bury me now / And I only get bigger". Posthum wäre ich noch berühmter, also lasst die Glocks im Halfter, Freunde.

Kapitalistische Verwertungslogik, natürlich, aber sie hat nicht das letzte Wort. Am Ende des Songs Can’t Have Everything gibt es Drakes Mutter als Mailbox-Mitschnitt: "Ich bin ein wenig besorgt, wenn ich, wie zuletzt, diesen negativen Ton in deiner Stimme höre. Ich kann verstehen, dass du skeptisch bist, wem du trauen kannst. Aber so eine Haltung wird dich am Ende im Leben nur behindern." Sogar einen moralischen Schwerpunkt hat diese Liste. Im Stream des anything goes ist das oberlässig.