Die Kfz-Werkstätte von Georg Ringseis liegt zwar prominent am Wiener Schwarzenbergplatz. Vom Glanz der Innenstadt ist hier aber nichts zu spüren. Es riecht nach Öl und Gummi hinter den blau gestrichenen Toren des 1930 gegründeten Familienbetriebs. Reifen werden gewechselt, kleinere Services gemacht. Sechs Leute arbeiten für Ringseis, unter ihnen seine Frau und ein Lehrling – nur mehr einer. Der Mechaniker und Innungsmeister Ringseis sagt zwar: "Ein gut ausgebildeter Lehrling, der im Betrieb bleibt, ist ein großes Kapital für das Unternehmen." Doch passende Kandidaten zu finden, sei "eine der allergrößten Herausforderungen".

Nicht nur Georg Ringseis tut sich schwer mit dem Lehrlingsnachwuchs. Das österreichische Modell der Berufsausbildung gilt international als Vorbild, aber es steckt in der Krise. Wie in vielen Branchen sinkt die Zahl der Lehrlinge in der Kfz-Sparte seit Jahrzehnten, obwohl es nicht weniger der Betriebe gibt. Befanden sich im Jahr 1980 noch über 100.000 Lehrlinge in Ausbildung, so waren es im vergangenen Jahr nicht einmal mehr 45.000. Dabei wird das Modell der dualen Ausbildung, bei dem theoretischer Unterricht an Berufsschulen erfolgt und die Berufspraxis in den Lehrbetrieben vermittelt wird, regelmäßig in höchsten Tönen gelobt. Auch die Politik konnte auf diese erprobte Form der Berufsvorbereitung bauen. Lange sorgte der Ausbildungszweig für eine verhältnismäßig niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Zugleich sind aus Sicht der Jugendlichen die Verdienstmöglichkeiten gerade in der Industrie und in handwerklichen Berufen gut. Warum gerät das vermeintlich erfolgreiche Ausbildungsmodell trotzdem mehr und mehr ins Abseits?

Nur zwei Häuser von der Werkstatt von Georg Ringseis entfernt, erinnern der historische Paternoster und der barocke Marmor im Haus der Industrie an althergebrachte Werte. Die Entwicklung der Lehre gilt auch hier, in der Zentrale der Österreichischen Industriellenvereinigung (IV), als Problemzone. "Heute stehen wir vor einer doppelten Herausforderung", sagt IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. "Die Zahl junger Leute wird durch den demografischen Wandel immer kleiner. Gleichzeitig ergreifen immer weniger von ihnen einen Lehrberuf. 2010 waren es mehr als 40 Prozent eines Jahrgangs, jetzt sind es bereits unter 38 Prozent."

Das Bild des Arbeiters, der ein Leben lang schuftet, stimmt nicht mehr

Verantwortlich dafür sei ein gesamtgesellschaftlicher Wertewandel, glaubt Neumeier: "Die Forcierung schulischer Ausbildung nach der neunten Schulstufe geht oft auf Kosten des Images der Lehre." Sie gelte vielen nach wie vor nur als letzter Ausweg für all jene, die mit dem Lernen in der Schule Probleme haben. Ganz nach der beliebten Redewendung: "Wer in der Schule versagt, musst halt in die Lehre gehen."

IV-Generalsekretär Neumayer nimmt aber auch Wirtschaft und Industrie in die Pflicht: "Es ist lange Zeit nicht gelungen, ein Bild zu vermitteln, was Lehre auch dann bedeuten kann, wenn man weitere Karrieremöglichkeiten vor sich sehen möchte." Erst seit einigen Jahren gebe es ein starkes Umdenken, "weil gerade die Fachkräfte ein Standortfaktor sind, an dem die internationale Wettbewerbsfähigkeit hängt".

Es scheint, als würde jetzt auch die Politik das Problem erkennen. Anfang März schlug Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner ein Paket vor, das bis zum Jahr 2020 die Modernisierung und Neuausrichtung von 54 Lehrberufen vorsieht. "Fit für die Digitalisierung" sollen die Ausbildungen werden. Geförderte Sprachaufenthalte im Ausland sind ebenso angedacht wie neue Lehrberufe, etwa der E-Commerce-Kaufmann. Ein Beispiel, das zeigt, dass Österreich dringenden Aufholbedarf hat: In Deutschland startet diese Ausbildung schon im nächstem Jahr.

Auch Bundeskanzler Christian Kern warb jüngst mit eigenen Ideen. Demnach soll es in der Ausbildungszeit mindestens 1.260 Schulstunden für Lehrlinge geben – bislang ist die Stundenanzahl von Sparte zu Sparte äußerst unterschiedlich geregelt. Eine einheitliche, für alle bessere Ausbildung, so die Hoffnung, soll dann auch das Image der Lehrberufe aufwerten.