Jürgen Weber: "Für einen Cappuccino im Café müsste ich zwei Monate sparen"

Alter: 57 Jahre

Familienstatus: ledig, keine Kinder

Ort: Potsdam

Was machen Sie beruflich? Ich bin seit 16 Jahren arbeitslos. Die letzten drei Monate hatte ich einen Aufstockerjob als Gärtner, aber mir wurde vor zwei Wochen gekündigt, weil ich mich bei der Gewerkschaft über die unzumutbaren Arbeitsbedingungen beschwert habe. Ursprünglich bin ich gelernter Bautischler, später habe ich als Sicherheitsmann und Köhler gearbeitet. 2001 bin ich an der Schulter erkrankt und habe meinen Job verloren. Damit begann meine Erwerbslosigkeit. Seit 2005 leite ich den Verein "Hartz IV Betroffene e.V." und helfe anderen, zu ihrem Recht zu kommen.

Wie viel verdienen Sie? Ich bekomme 409 Euro plus die Miete vom Jobcenter ausgezahlt.

Finden Sie Ihr Einkommen gerecht? Nein, der Hartz-IV-Regelsatz ist viel zu niedrig. Ich habe letztes Jahr detailliert berechnet, welche Ausgaben über ein Jahr angemessen wären und wie weit der Regelsatz davon entfernt ist. Die Differenz liegt bei 400 Euro pro Monat.

Wie viel müssten Sie verdienen, um das Leben zu führen, das Sie gerne führen würden? Wenn ich 805,95 Euro plus Miete im Monat bekommen würde, wäre das gut. Hartz IV liegt einfach zu niedrig, deshalb habe ich vor Kurzem eine Klage gegen die Berechnung der Regelsätze eingereicht: Sie werden über veraltete Statistiken berechnet, und Betroffene werden nicht gefragt, wie es sich davon tatsächlich leben lässt.

Wohnen Sie zur Miete oder in Eigentum? Ich lebe in einer 52-Quadratmeter-Wohnung. Die Mietkosten liegen bei 440 Euro im Monat. Momentan läuft noch eine Klage von mir, weil ich will, dass das Amt die Renovierung übernimmt, weil ich aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst renovieren kann. Seit 16 Jahren habe ich dieselbe Tapete an den Wänden.

Besitzen Sie Aktien, ein Grundstück oder andere große Vermögenswerte? Nein.

Haben Sie Schulden? Nein.

Wie viel Geld geben Sie für Lebensmittel aus? Etwa 200 Euro im Monat. Der Hartz-IV-Regelsatz schreibt eigentlich 137,66 Euro vor, aber das ist bei den gestiegenen Preisen kaum möglich. Ich kaufe hauptsächlich bei Aldi ein und muss trotzdem auf jeden Euro achten. Wenn es Sparaktionen gibt, kaufe ich auf Vorrat. Oft mache ich dann einen großen Eintopf und friere ihn portionsweise ein.

Wann waren Sie zuletzt im Urlaub? Urlaub? Was ist das? In den letzten 16 Jahren war ich nicht im Urlaub. Für meine ehrenamtlichen Veranstaltungen mit dem Verein komme ich öfter aus Potsdam raus. Als junger Mann bin ich allerdings viel gereist, war schon auf jedem Kontinent. Noch einmal Australiens Landschaft zu bewundern wird für mich aber wohl ein Traum bleiben.

Was ist Luxus für Sie? Einen Cappuccino zu trinken, wenn ich mich zu Hause an den Computer setze. Dafür im Café 3,20 Euro zu zahlen kann ich mir nicht leisten, darauf müsste ich zwei Monate sparen. Nur wenn ich mit dem Verein einen Trip nach Hamburg ins Miniaturwunderland veranstalte, gönne ich mir was Besonderes und gehe in die Rösterei gegenüber.

Besitzen Sie ein Auto? Bis 2014 hatte ich ein eigenes Auto, aber das wäre nicht mehr durch den TÜV gekommen. 2015 hat der Verein dann einen Dacia Lodgy gespendet bekommen, den ich nutzen kann.

Gibt es etwas, worauf Sie sparen? Richtig sparen kann ich nicht. Aber für eine Projektidee unseres Vereins lege ich was zur Seite. Wir wollen Räumlichkeiten finden, in denen wir eine Modelleisenbahn und Flugzeuge ausstellen und Kurse für Jugendliche anbieten, die malen wollen. Sie können da ein Hobby finden, statt auf der Straße abzuhängen.

Spenden Sie Geld? Da wir zu wenig Spenden für unseren Verein und keine staatliche Förderung bekommen, stecke ich jeden Monat etwa 150 Euro rein. Damit bezahle ich die Kosten für das Auto: Sprit, Versicherung, Werkstatt.

Finden Sie, dass Sie zu viel Steuern bezahlen? Ja, die indirekten Steuern sind eine echte Belastung: Von dem wenigen Geld, das ich bekomme, muss man gedanklich noch einmal 20 Prozent abziehen.

Glauben Sie, dass sich Ihre finanzielle Lage in den nächsten zehn Jahren verbessern wird? Anfang des Jahres hatte ich mit dem Aufstockerjob als Gärtner diese Hoffnung. Nach der Kündigung ist das natürlich anders. Große Sprünge werde ich nicht mehr machen, aber ich bemühe mich weiterhin um einen Job.

Was glauben Sie, wie Ihr Leben als Rentner sein wird? Seit 16 Jahren kann ich nichts einzahlen. Nur aus DDR-Zeiten wird mir noch etwas angerechnet. Wenn es gut geht, werde ich mit dem Geld knapp über die Armutsgrenze kommen. Jetzt schon dafür zu sparen macht keinen Sinn, da es auf die Sozialhilfe angerechnet werden würde.

Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von 0 bis 10? Ich hab zwar gerade meinen Job verloren, aber ich kann mir selbst und anderen helfen, habe keine nervende Frau: Da würde ich mir glatt eine 10 geben.