Deutschlands Nationale Akademie der Wissenschaften (auch bekannt als die Leopoldina) fordert diese Woche eine Lockerung des strikten Verbots für Forschung an menschlichen Embryonen. Natürlich nur für hochrangige Ziele. Und nur für überzählige befruchtete Eizellen, sozusagen den Überschuss der Befruchtungskliniken. Nötig sei dies, damit die deutsche Wissenschaft international auf Augenhöhe bleibe, argumentieren die Experten der Akademie in einem Diskussionspapier. Es solle etwa erlaubt werden, neue und beispiellos präzise Labortechniken wie Crispr/Cas9 an humanen Embryonen einzusetzen. Das würde bedeuten: Eine Neufassung des Embryonenschutzgesetzes von 1990 müsste her.

Nun ist im Lauf der vergangenen Jahre immer wieder eine Abschaffung, Revision oder Lockerung des Gesetzes gefordert worden. Zuletzt ging es darum, seine Regelungen an die Praxis der genetischen Prüfung von im Labor gezeugten Embryonen (Präimplantationsdiagnostik, kurz PID) anzupassen. Das geschah zwar, aber die Reform blieb sehr zaghaft. Doch jetzt sollte der Gesetzgeber ernsthaft handeln, denn mit den neuen Genomtechniken könnten künftig von Erbkrankheiten betroffene Embryonen im allerersten Stadium ihrer Existenz geheilt werden – statt wie bisher mithilfe von PID aussortiert und vernichtet zu werden. So gesehen, könnten die neuen Methoden im Resultat ein effektiverer Embryonenschutz sein, als das Gesetz es je war.

Es muss aber noch weit grundsätzlicher überarbeitet werden, als es die Akademie jetzt fordert. Das Embryonenschutzgesetz hat sein Verfallsdatum längst überschritten. Denn die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen entscheidende Regelungen der fast 30 Jahre alten Rechtsnorm praktisch bedeutungslos werden. Vor allem zwei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis menschliche Spermien und Eizellen künstlich erzeugt werden können. Ein Embryo, der aus solchen Keimzellen hervorginge, wäre derzeit in keiner Weise geschützt. Noch drastischer erscheint der zweite absehbare Durchbruch: die direkte Umwandlung normaler Körperzellen von erwachsenen Menschen in einen entwicklungsfähigen Embryo, der in den Körper einer Frau übertragen zu einer Schwangerschaft führen kann. Forschung an solchen vollständig künstlichen Embryonen würden vom bestehenden Gesetz ebenfalls nicht erfasst.

Es ist nicht zwingend geboten, diese Fortschritte der Biowissenschaften gesetzlich zu regulieren. Aber wenn die Politik weiterhin den Anspruch erhebt, bioethische Leitplanken für die Forschung festzulegen, ist das Parlament gefragt. Ob der im Herbst zu wählende neue Bundestag den Mut aufbringt und das heikle Thema der Forschung an Embryonen auf die Tagesordnung setzt? Eher unwahrscheinlich – und doch so nötig.