Frauen an der Seite von Albert Einstein, Max Weber, Friedrich Schlegel: Was man von diesen leidenschaftlichen Wissenschaftlerinnen heute noch lernen kann.

Mileva Marić

Wie groß war ihr Anteil an Einsteins Relativitätstheorie?

Es wird sich, mangels eindeutiger Quellen, nicht mehr klären lassen, wie groß Mileva Marićs Anteil an der Relativitätstheorie ist. Es gibt diesen einen Brief Albert Einsteins an die junge Serbin, seine ehemalige Kommilitonin und erste Ehefrau, in dem er schreibt: "Wie stolz und glücklich werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung siegreich zu Ende geführt haben." Es gibt weitere Briefe um 1900, in denen er glühend von ihr als ebenbürtig schwärmt, und es gibt Behauptungen, wonach frühe Fassungen von Einsteins bahnbrechenden, 1905 veröffentlichten Forschungen beider Namen im Titel getragen hätten. Theoretisch ist Mileva Marić jedenfalls vom Fach: Ab 1895 studiert die damals 25-Jährige Mathematik und Physik an der ETH Zürich. Doch sie fällt zweimal, bereits unehelich von Einstein schwanger, durch die Diplomprüfung. In ihrer Heimat Novi Sad bringt sie 1902 eine Tochter zur Welt. Die Eltern verschweigen die Existenz des Kindes, über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt, überhaupt weiß man davon erst seit der Edition privater Briefe 1986. Es scheint aber, als habe die Sache Marić so mitgenommen, dass auch ihre Begeisterung für die Physik abebbte. 1903 heiratet Einstein sie, bis 1910 werden zwei Söhne geboren. Doch 1912 verliebt er sich in seine Cousine. Er trennt sich 1914 und will die Scheidung. Seine Frau zögert.

Mileva Marićs Geschichte ist die einer vertanen Chance: Sie ist eine der ersten Frauen überhaupt, die in Europa Physik studieren. Aber sie kann ihr eigenes Talent nicht mit der Karriere ihres Partners vereinbaren. Als Einstein sie verlässt, lebt sie mit ihren Kindern in extrem bescheidenen Verhältnissen. Als Marić 1919 schließlich doch in die Scheidung einwilligt, verbindet Einstein damit ein seltsames Versprechen: Sollte er je den Nobelpreis erhalten, bekomme sie das gesamte Geld. 1921 ist es so weit, und seither wird spekuliert: War die Überlassung des Preisgeldes an seine ehemalige Frau für Einstein eine Möglichkeit, sich aus der ersten Ehe freizukaufen? Oder ist es ein Indiz dafür, dass doch einiges von Marićs Ideen in Einsteins genialen Theorien steckt?

Marianne Weber


Sie schrieb einen Klassiker der Rechtsgeschichte

Sie ist 1919 die erste Frau, die in einem demokratischen deutschen Parlament als Volksvertreterin eine Rede hält: Für das Recht, zu wählen und gewählt zu werden, hat Marianne Weber, von ihrem Geburtsort Oerlinghausen bei Bielefeld über Berlin und Freiburg nach Heidelberg gezogen und mit einem nicht unbedeutenden deutschen Soziologen verheiratet, sich seit fast zwei Jahrzehnten eingesetzt. Doch sie hat nicht nur gekämpft, sie hat auch geforscht: Als ihr die Juristische Fakultät der Universität Heidelberg in den zwanziger Jahren die Ehrendoktorwürde verleiht, gilt Marianne Webers 1907 veröffentlichtes Buch Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung längst als Klassiker der Rechtsgeschichte. Auf fast 600 Seiten zeichnet sie von der Frühzeit über Antike und Mittelalter bis zu ihrer Gegenwart die juristische Lage der Frau nach. Eine eigene Karriere innerhalb der Wissenschaft bleibt Marianne Weber verschlossen: Als Frau darf sie im Deutschen Reich zwar Vorlesungen besuchen, aber keinen Abschluss machen oder gar selbst lehren. Vielleicht aber hat Weber diesen Schritt der Auflehnung auch bewusst nicht gewagt: In viel beachteten Aufsätzen wie Die Beteiligung der Frau an der Wissenschaft von 1904 diskutiert sie diese drängende Frage, im Vorwort ihres eigenen Mammutwerkes aber betont sie ihr Laientum und ergießt sich in großer Dankbarkeit, ja fast devoter Bewunderung für ihren gelehrten Mann. Max Weber bringt just in den Jahren, in denen sie das besagte, fast 600 Seiten starke Buch zur Rechtsgeschichte verfasst, selbst kaum etwas zu Papier und wird von schweren Depressionen geplagt.

Ob Max und Marianne Weber eine harmonische Ehe führten oder ob sie diese nachträglich verklärten, darüber ist viel debattiert worden. Nach Max Webers überraschendem Tod 1920 konzentriert sie ihr Schaffen vor allem darauf, sein Erbe zu bewahren: 1926 erscheint ihre Max-Weber-Biografie, sie verwaltet seinen Nachlass, macht sich an die Edition seiner Werke, hält ihr Haus als Treffpunkt für Gesprächszirkel offen – und sorgt mit alledem auf lange Sicht erst dafür, dass Max Weber posthum zu dem Leitintellektuellen wird, als der er nun seit Jahrzehnten gilt.

Dorothea Schlegel

Wenn sie redete, hingen die Männer an ihren Lippen

Der Drang zu verändern mag ihr in die Wiege gelegt worden sein: Ihr Vater Moses Mendelssohn ist die jüdische Stimme der Aufklärung. Unentwegt streitet er für die Emanzipation seines Volkes innerhalb der preußischen Gesellschaft. Von der Emanzipation der Frau indes hält er nicht ganz so viel: Mit 14 wird Brendel Mendelssohn dem älteren Simon Veit versprochen, pünktlich mit 18 wird sie verheiratet. Doch nicht mal die eng getaktete Geburt von vier Kindern, von denen zwei überleben, vermögen ihre Wissbegier, ihr musisch-künstlerisches Talent und ihren Eigensinn zu bremsen. Ausleben kann sie dies, wenigstens ein bisschen, im Salon ihrer Freundin Henriette Herz: Dort trifft sie Frauen, in deren Leben ebenfalls wenig Platz für geistige Talente scheint. Und wenn sie dort das Wort ergreift und über Freiheit und Empfindsamkeit diskutiert, dann hängen männliche Geistesgrößen wie die Gebrüder Humboldt oder Friedrich Schleiermacher und ganz besonders ein ungestümer junger Philosoph namens Friedrich Schlegel an ihren Lippen. Bereits 1794 hat Brendel ihren so jüdischen Vornamen abgelegt. Sie nennt sich fortan Dorothea Friederike, und als diese wagt sie 1799 einen höchst ungewöhnlichen Schritt: Sie reicht die Scheidung von Veit ein. Den Rabbinern bei Gericht muss sie versichern, weder je erneut zu heiraten, noch sich taufen zu lassen oder ihre Söhne zum Religionsübertritt zu überreden. Doch sie wird erst zum Protestantismus konvertieren und wenige Jahre später sogar zur frommen Katholikin werden. Und sie lebt in wilder und dann beglaubigter Ehe mit dem acht Jahre jüngeren Schlegel zusammen, folgt ihm, zunächst tatendurstig, später seltsam ergeben nach Jena, Paris, Köln und Wien. Gerade weil sie sich von Schlegel ein wenig abhängig macht und ihm vor allem zuarbeitet, bleibt ihr literarisches Schaffen überschaubar. Sie übersetzt aus dem Französischen, schreibt Gedichte und einen Roman: Florentin. Dieser, so urteilt die Literaturwissenschaftlerin Gisela Horn trocken, bediene "alle Klischees der zeitgenössischen Literatur". Mehr noch: Damit er sich besser verkauft, bleibt die Verfasserin anonym, und nur ein – männlicher – Herausgeber wird genannt: Friedrich Schlegel.

Laura Bassi

Physikerin, Medizinerin, Professorin, Mutter von acht Kindern

Die erste Professorin der Welt ist gerade einmal 20 Jahre alt, als sie ernannt wird: 1732 habilitiert sich Laura Bassi in ihrer Heimatstadt Bologna mit naturphilosophischen Betrachtungen über Wasser. Wegen ihres Geschlechts bedarf fortan jeder einzelne ihrer Vorträge einer Extragenehmigung. Laura Bassi ist das einzige überlebende Kind ihrer Eltern. Dass sie hochbegabt ist, merken sie früh und beginnen, sie zu fördern: Mit acht Jahren spricht sie fließend Latein, und ein Freund der Eltern, selbst Professor der Medizin, unterrichtet sie in allem, was er weiß. Als Laura Bassi bald mehr weiß als er und rhetorisch versiert ihre eigenen Thesen vertritt, setzt er sich dafür ein, dass sie öffentlich disputieren darf und promoviert wird. Sie gilt als Wunderkind der Wissenschaft und wird weit über Bologna hinaus bekannt, korrespondiert mit berühmten Aufklärern ihrer Zeit und wird von Akademikern aus allen Winkeln Europas besucht.

Der Oxforder Musikhistoriker Charles Burney notiert nach einer Begegnung, sie sei "genial" – und trotzdem "nicht im Geringsten anmaßend oder unweiblich". Ende der 1730er Jahre löst die professoressa erneut Erstaunen aus, denn sie heiratet und zieht mit ihrer Familie zurück zu ihren Eltern. Ginge es nach den Honoratioren der Universität, sollte es die "Minerva von Bologna", wie Bassi genannt wird, der antiken Minerva gleichtun und besser unverheiratet – und unangetastet – bleiben. Zudem ist ihr Bräutigam Guiseppe Veratti ein junger Mediziner, der aus einer unbekannten, wenig vermögenden Familie stammt. Doch das Ehepaar bekommt acht Kinder – was beider wissenschaftlichen Leistungen nicht im Wege steht. Gemeinsam forschen sie zur Physik der Luft, des Lichts; zu Elektrizität und Hydromechanik. Laura Bassi bildet als – im wahrsten Sinne des Wortes – Privatdozentin die Experimentalphysiker der Zukunft bei sich zu Hause aus. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Bassi auch für den Physiklehrstuhl interessiert. Als der prestigeträchtige Posten Veratti – und nicht Bassi – angetragen wird, verzichtet er zugunsten seiner Frau. Für ihn ist sie das Genie im Hause. So wird Laura Bassi 1776 zusätzlich Physikprofessorin. Da ist sie bereits 64 Jahre alt.