Dieser Artikel stammt aus ZEIT GELD Nr. 14 vom 30.3.2017.

Friedrich Liechtenstein wirkt etwas wehmütig an diesem Mittag im Café Engländer in Wien. "Viele tolle Leute hier", sagt der 61-Jährige, die Stadt: "absolut inspirierend", die Atmosphäre: "voller Fluidum", die Musikszene: "total krass drauf". Vor allem könne er sich hier unerkannt bewegen. Aber im Juni gehe er zurück nach Berlin, und da erkennt ihn inzwischen fast jeder. Liechtenstein, in der DDR ausgebildeter Puppenspieler, zeitweise Theaterintendant, später Elektropop-Musiker und Performer, ist heute ein gefragter Unterhaltungs- und Lebenskünstler. Sein Œuvre wächst seit Jahren so schnell wie ein Algenteppich, aber erst durch den Wirbel eines millionenfach geklickten Werbespots für Edeka wurde es an die Oberfläche gespült. In ihm singt Liechtenstein den Song Supergeil. Seitdem hat sich viel in seinem Leben geändert. Unter anderem verdient er wieder Geld.

Ich hatte kein Auto, keinen Schrank, kein Telefon – und war fast stolz darauf.

Zeitweise besaß Liechtenstein kaum noch was. Über Jahre war es mit "konstanter Boshaftigkeit" bergab gegangen, so beschreibt er es. Sein Konto wurde gepfändet, er verlor seine Wohnung und nistete sich im Turmzimmer einer kultigen Berliner Brillenmanufaktur ein – als eine Art Lebend-Attraktion und deswegen mietfrei. Das alles ertrug Liechtenstein mit Gelassenheit: "Ich habe mir das so lange schöngeredet, bis es mit der gleichen unverständlichen Zauberei wieder bergauf ging."

Wenn alle nichts mehr wollen würden, würde keiner mehr erpressbar sein.

Schon vor dem Edeka-Video bekam Liechtenstein wieder mehr Aufträge, doch erst danach gelang ihm der Durchbruch als Musiker. Er veröffentlichte ein gefeiertes Album, trat überall auf, gab jedem Interviews. Ein Relikt aus der Zeit als selbst ernannter "Schmuckeremit" im Brillenladen blieb indes: "Ich will nix haben", sagt Liechtenstein, "ich behalte nix mehr." Der Mann, der vor der Wende mit Frau und Kindern ein Haus in der Sächsischen Schweiz besaß, hat eine möblierte Wohnung gemietet und verzichtet auf ein Auto, nicht mal ein Fahrrad hat er. Liechtenstein sagt: "Ich vermisse nichts und bin froh, so beweglich zu sein."

Mit Glück kann man ein Leben lang von einem einzigen Song leben – und die Kinder und Enkelkinder auch.

Supergeil war laut und schrill. Liechtensteins andere Musikvideos hingegen sind tiefgründige Erzählungen zu meisterhaftem Elektropop und fantastischen Bildern. Mit zunehmender Prominenz muss er sich aber auch einer wachsenden Versuchung stellen: Kunst aus ökonomischem Kalkül zu machen. "Wenn man als Künstler Erfolg hat, sind die Margen gewaltiger, als wenn man eine Fabrik betreibt", sagt Liechtenstein. Und träumt laut davon, einen Evergreen herauszubringen, der seine Familie über Generationen ernährt.

Vorsorge? Könnte ich machen, nur reizt es mich nicht.

Aber halt: Liechtenstein sagt, er wolle kein Würstchenverkäufer werden, sondern Kuchenverkäufer bleiben. Lieber was leckeres Kostbares zubereiten als was schnelles Billiges. In Wien will er sich nun neu erfinden: vom "Delphinmann" zum "Elevator Man" werden, "steil gehen" und "die Leute in die Vertikale bringen". Was genau unter all dem zu verstehen ist, lohnt hoffentlich das Abwarten. Liechtenstein ist jedenfalls sicher: "Das wird gut laufen."

Und wenn nicht? Liechtenstein sagt, er sei kein Bauer, sondern ein Jäger und Sammler. Vorräte brauche er nicht. "Dafür fehlt mir die Angst", sagt er, "irgendetwas wird es immer geben."

Wenn man sich für Geld interessiert, kann man mit allem reich werden.

Irgendwas – und zwar in vielen verschiedenen Farben. So bunt wie Korallenriffe wünscht sich Liechtenstein die Welt: Sie seien die "Flagship-Stores fürs Naturschöne und für die Diversität". Deswegen sollte es sowohl Menschen geben, die nur in Hotels wohnen und ein Leben voller Affären führen, als auch solche, die sich in die Nachbarstochter verlieben und im Elternhaus wohnen bleiben. Auch beim Geld sollte alles möglich sein, findet der Künstler: Millionen machen – oder Schulden auftürmen.

In einer Welt ohne Geld gäbe es eine Tyrannei von Sympathie und Antipathie.

Apropos Geld: Von allen Möglichkeiten, eine Gesellschaft zu organisieren, sei Geld das kleinste Übel, glaubt Liechtenstein. Sicher, es setze Leute unter Druck, demütige und kränke sie. Und doch sei Geld eine gerechte Sache, weil es Menschen am Leben teilhaben lasse, die sonst chancenlos wären.

Ich weiß nicht, wie viel Gewalt und Blut am Geld klebt – aber ich ahne, dass es schwärzer ist, als ich denke.

Liechtenstein hat sich lange den Kopf darüber zerbrochen, wo das Geld herkommt und wer leiden muss, damit wir damit bezahlen können. Aber er wisse es schlicht nicht, sagt er und zahlt gelassen sein Mittagessen im Café Engländer.