Daimler, L’Oréal und andere Konzerne haben unwissentlich Extremisten finanziert, schuld daran ist die Video-Plattform YouTube: So lautet der Vorwurf, der seit zwei Wochen die Werbeindustrie in Aufruhr versetzt.

YouTube gehört zum Internetkonzern Google, und wie ernst die Vorfälle dort genommen werden, war innerhalb weniger Tage erkennbar. Der fürs operative Geschäft verantwortliche Konzernvorstand, Philipp Schindler, nahm ausführlich Stellung und entschuldigte sich bei den Werbekunden. Außerdem überarbeitet der Konzern in aller Eile seine Software zur Platzierung von Werbung auf der Video-Plattform. In den nächsten Tagen sollen neue Richtlinien in Kraft treten und tendenziell strittige Videos großräumiger aus der Werbevermarktung ausgeschlossen werden. Bis zum Redaktionsschluss der ZEIT am Dienstag waren die neuen Regeln noch nicht online.

Auslöser war unter anderem eine Beschwerde des Autoherstellers Daimler. Aus Großbritannien gingen mehrere Hinweise bei ihm ein, dass eine Werbung für den neuen Mercedes CLA in einem Propaganda-Video des "Islamischen Staates" zu sehen war. Dieselbe Werbung erschien auch in einem Clip, den polnische Neonazis hochgeladen hatten. Nach ersten Gesprächen mit YouTube und Google in Großbritannien kamen die verantwortlichen Daimler-Manager zu der Einschätzung, dass der Internetkonzern nicht in der Lage sei, das Problem sofort zu lösen und die unerwünschte Platzierung zuverlässig zu verhindern. Deshalb stoppte der Autokonzern in Großbritannien bis auf Weiteres jedwede Werbung auf YouTube, um einen Imageschaden zu verhindern.

Und Daimler ist nicht allein. Mehr als 200 große Unternehmen verzichten derzeit in Großbritannien und teilweise auch in den USA auf Werbung bei YouTube. Zu ihnen gehören Volkswagen, der Telekomkonzern Verizon, die Fast-Food-Kette McDonald’s und das britische Medienunternehmen Guardian. Einige Unternehmen haben den Werbestopp auch auf eine weitere Werbeplattform von Google ausgeweitet, das sogenannte Adsense-Programm. Mit ihm verteilt der Internetkonzern die Reklame seiner Kunden weiträumig im Internet auf kleinere und größere Websites.

Die rigorose Reaktion erklärt sich erst vollständig, wenn man weiß, dass ein Teil des Geldes, das etwa Daimler in Werbung auf YouTube investiert, an die Produzenten der Videos weitergeleitet wird. Davon profitieren auch Extremisten und Neonazis, wenn ihr Video die AGB von YouTube nicht verletzt, indem es beispielsweise nicht zu Gewalt aufruft. Generell sind islamistische und neonazistische Äußerungen im angelsächsischen Raum durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt.

Um wie viel Geld es konkret geht, weiß bisher nur der Internetkonzern. Ein lokaler Google-Manager sprach von Kleinstbeträgen, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Unplausibel ist es nicht, denn für 1.000 Video-Aufrufe bekommt ein Urheber einen Betrag, der zwischen ein paar Cent und rund zehn Euro liegt. Letzteres erreichen aber nur die absoluten Superstars auf der Plattform. Extremisten rangieren eher am unteren Ende. Von den Einnahmen stehen ihnen 55 Prozent zu.