Der Brexit sorgt für Unruhe unter Europäern, die in Großbritannien leben. Rund 3,3 Millionen europäische Einwanderer werden jetzt, da der Austrittsprozess begonnen hat, zur Verhandlungsmasse gemacht.

Ich lebe seit 50 Jahren in England und bin mit einer Britin verheiratet. Um meine Zukunft in der neuen Heimat zu sichern, habe ich einen Antrag auf Bleiberecht gestellt. Das Formular besteht aus 85 Seiten und enthält Fragen, die tief in meine Privatsphäre eindringen: Ich soll auf den Tag genau angeben, wann ich mich in den vergangenen Jahren außerhalb von Großbritannien aufgehalten habe. Ich muss Quittungen, Bankauszüge und Stromrechnungen vorlegen, um zu beweisen, dass ich hier lebe. Ein bürokratisches Verfahren, wie man es sich nicht einmal in Brüssel ausdenken könnte!

Die Stimmung unter uns "Ausländern" wurde weiter angeheizt, als man Berichte lesen konnte, dass Anträge abgewiesen wurden, weil die Antragsteller nicht zu allen Punkten genaue Angaben machen konnten. Eine Frau, die ihren kranken Mann pflegt, soll deshalb ausgewiesen werden. Das Innenministerium ist mit der Aufgabe überfordert, auch weil es keine genauen Angaben dazu hat, wie viele Festland-Europäer sich überhaupt im Land aufhalten: Anders als in anderen Ländern gibt es in Großbritannien weder ein Ausländerregister noch eine Personalausweis-Pflicht.

Brexit - Was bisher geschah Wäre der Brexit eine US-amerikanische TV-Serie, Sie hätten in der ersten Staffel einiges verpasst. Ein Rückblick und Ausblick auf den nächsten Teil des EU-Austritts

Während der Referendumskampagne im vergangenen Frühsommer hat sich das Schicksal der europäischen Einwanderer in Großbritannien zum wichtigen Thema hochgeschaukelt. Die Befürworter des Brexits warfen der alten Cameron-Regierung vor, ihr Versprechen nicht erfüllt zu haben, die Zahl der Einwanderer zu reduzieren. Die Regierung von Theresa May fühlt sich daher unter Zugzwang, sie will, dass es deutlich weniger Einwanderung gibt. Jeder einigermaßen Vernünftige wird aber einsehen, dass wichtige Branchen des Landes – vom Gesundheitswesen über die Bauwirtschaft, die Agrarindustrie und die Universitäten – ohne Einwanderer gar nicht funktionsfähig sind. Schon jetzt ist die Zahl ausländischer Studenten um zwanzig Prozent gesunken, und zwar zum Nachteil der finanziell belasteten Universitäten.

Die britische Regierung erwägt nun, alle diejenigen abzuschieben, die in keinem Arbeitsverhältnis mehr stehen und keine private Krankenversicherung abgeschlossen haben. Das House of Lords versuchte zwar, diese Klausel als eines kultivierten Landes unwürdig zurückzuweisen, wurde aber von der konservativen Mehrheit im Unterhaus überstimmt. Die relativ kleine Zahl der Rentner und nicht lohnberechtigten Familienangehörigen, die also der britischen Wirtschaft keinen direkten Nutzen bringen, sind nun der Einsatz bei dem kommenden Brexit-Pokerspiel.

Durch die Entscheidung des Parlaments wurde auch ich von der allgemeinen Panik ergriffen: In meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass mir nach 50-jähriger Lehrtätigkeit einmal die Abschiebung drohen könnte. Hat sich mein Gastland nicht stets mit seiner Weltoffenheit und seinem multikulturellen Klima gebrüstet?

In meiner Sorge wandte ich mich an die deutsche Botschaft, die juristisch die Interessen der im Ausland lebenden Deutschen vertritt. Nach vierwöchigem Schweigen erhielt ich einen völlig nichtssagenden Brief, der keine meiner Fragen beantwortete und daher sogleich in der Recycling-Tonne landete. Medienberichten zufolge will die Bundesregierung bei den Brexit-Verhandlungen Härte zeigen. Sollte Deutschland wohl das gleiche Pokerspiel unter Einsatz seiner Auslandsdeutschen spielen wollen? Eine solche Politik widerspräche den Werten, zu denen sich die Kanzlerin immer wieder und erst jüngst erneut bekannte, und schadete denen, die an internationale Zusammenarbeit und das Recht auf Freizügigkeit glauben. Vielleicht sollte man die Kanzlerin an die Europahymne erinnern, auch wenn ich von Frau Merkel bestimmt keine "feuertrunkene" Umarmung erwarte.

Ältere Leser werden sich erinnern, wie eng und kleinbürgerlich das gesellschaftliche Klima im Deutschland der sechziger Jahre war. Ich beschloss damals, meine akademische Laufbahn in England aufzubauen. Dort gab es nicht nur bessere Karriereaussichten, man war auch dankbar für neue Ansätze in der Germanistik. Neben dem Literaturstudium vermittelten wir den jungen Briten Kenntnisse über das deutsche Demokratieverständnis, das mit sozialer Marktwirtschaft, betrieblicher Mitbestimmung und dem Recht auf Bildung vielen nicht geläufig war. Die Bundesregierung unterstützte diese Initiativen nachdrücklich mit Lehrmaterial und Vorträgen von Experten.

Leider ist von alldem nicht mehr viel übrig geblieben. Schon lange vor dem Brexit ist das Interesse an deutschen Themen geschwunden. Die Kürzungen am Bildungsetat haben dazu geführt, dass der Deutschunterricht an Schulen und Universitäten in seiner Existenz bedroht ist. Auch hierzulande gab es eine Trendwende, weg von den Geistes- und Sozialwissenschaften und hin zu einer oft einseitigen Beschäftigung mit rein berufsorientierten Fächern. Die aus der Aufklärungsphilosophie abgeleitete Bildung eines individuellen Geistes blieb dabei auf der Strecke. Vielleicht hat auch diese Entwicklung dazu beigetragen, dass sich Populismus und Retro-Nationalismus in Großbritannien ausbreiten konnten.