"Das Dorf is feddich, wenn’s feddich is", sagt Thomas Hagelstein. Der 58-Jährige, ein Typ mit norddeutschem No-Bullshit-Gesicht, der Blick ernst und geradeheraus, steht auf einem braunen Acker, Gestrüpp wächst bis knapp über Kniehöhe. Ein paar abgenagte Maiskolben liegen unter verhangenem Himmel, Ernteabfall vom Feld nebenan. Trostlos könnte man dieses Stück Land in Hitzacker nennen. Wäre da nicht die Vision, auf diesen fünfeinhalb Hektar Wendländer Mutterbodens eine bessere Welt zu erschaffen.

Die Vision: 100 Alte, 100 Junge und 100 Flüchtlinge bauen hier gemeinsam ein Dorf. Danach wollen sie gemeinsam darin wohnen, in einer offenen, solidarischen Gemeinschaft. Es soll Platz für alle da sein, Senioren, Studenten, Reiche, Arme, Deutsche, Einwanderer. Wenn man es ganz einfach ausdrückt, ist das der Plan.

Fasst man es etwas größer, könnte man sagen: In Hitzacker wollen sie eine Gegenrealität erschaffen zur Ego-Gesellschaft 2017, in der die Solidarität Stück für Stück zerbröselt. Populisten spielen Einheimische gegen Neuankömmlinge aus, Politiker bauen Zäune. Wir gegen die, nach diesem Schema kann man heute Wahlen gewinnen. Für die Wendländer Utopisten finden das schlimm. Sie glauben an die Liebe in Zeiten der Cholerik.

Es ist eine Idee, die links von der Mitte erst mal alle begeistert: vorgelebte Integration, engagiert und visionär, tolles Projekt. Aber wer macht am Ende wirklich mit? Geben junge Leute dafür ihr Großstadtleben auf? Wie ist das mit den Flüchtlingen, die kein Deutsch können? Mit anderen Worten: Wer folgt dem Ruf einiger Altlinker in die Pampa?

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Hagelstein ist, so sagt es seine Frau, "einer der Spinner", die sich das ausgedacht haben mit dem Dorf. Der andere Spinner heißt Hauke Stichling-Pehlke. Mit seiner weißgrauen Mähne sieht er so aus, als sei er der jüngere Bruder von Hans-Christian Ströbele. Beide, Stichling-Pehlke und Hagelstein, sind geborene Hamburger, leben aber lange schon im Wendland. Hagelstein bezeichnet sich als Anarchisten, in den Achtzigern besetzte er Häuser. "Ich freue mich auf den Moment, wenn die frauenbewegte Altlinke auf den Macho trifft – dann lebt unser Dorf!", sagt er. Stichling-Pehlke hat viele Jahre in Kommunen gewohnt und trägt gerne bunte Hosen. Er sieht im Dorf die Lösung für deutsche Probleme: für die Integration von Flüchtlingen; für die Einkommensungleichheit; für die Überalterung auf dem Land.

Die Politik bekomme das nicht hin, sagt Stichling-Pehlke. Also zeigen sie selbst, dass es geht. Dass Flüchtlinge nicht in sprachlosen Parallelgesellschaften verschwinden müssen, sondern Mitbürger werden können. Dass es mit dem Dorfsterben so ist wie einst mit dem Waldsterben: Wenn man aktiv wird, ist es zu stoppen. Dass Nähe nicht automatisch Enge bedeutet – und seine Nachbarn zu kennen nicht zwingend die Hölle ist.

Erst sollte das Dorf Neuropa heißen, für ein neues Europa. Aber für manche Mitstreiter klang das nach Neurosen und Opa. Sie nennen es jetzt das Dorf der Zukunft.

Fünf Gehminuten vom Acker entfernt steht an einem einsamen Bahngleis die Keimzelle des Dorfes, gemauert aus rotem Ziegelstein: der ehemalige Bahnhof Hitzacker. Die Deutsche Bahn hat das dreistöckige Gebäude mit Türmchen und runden Fensterbögen vor Jahren versteigert und an den Verein "Kulturbahnhof Hitzacker" verkauft, kurz Kuba. Im Eingangsbereich liegen Flyer für Flüchtlingshilfe, Yogakurse und die Wendländische Saatgutbörse, Ausschnitte linker Ideologie, gedruckt auf Recyclingpapier. Im ersten Stock hat das Dorf sein Büro, im Raum nebenan steht ein Modell aus Holz, kleine Häuschen auf grünem Grund, sie liegen wie ausgekippt im Gelände.

Toleranz ist oberstes Gebot – aber auch gegenüber einem afghanischen Patriarchen?

Einmal im Monat findet hier das Plenum statt, in dem die zukünftige Dorfgemeinschaft alles ausdiskutiert. Sie sprechen über Regeln ("Sind Hunde erlaubt?") und Prinzipien ("Muss die Energieversorgung zu 100 Prozent öko sein?"), casten neue Mitstreiter ("Wer nur günstig wohnen will, ist hier falsch!") und finden neue Freunde ("Wollen wir zusammen in ein Haus ziehen?"). Im Frühjahr möchten sie das erste Haus bauen, Dorfstraße Nummer 4, dann soll es Haus für Haus vorangehen. Geschäfte und Handwerksbetriebe sollen eröffnet, Felder bestellt, Ladesäulen für Elektroautos installiert werden.

Natürlich stellen sich da einige Fragen: Wenn 300 Menschen von einer besseren Welt träumen – träumen die dann von der gleichen besseren Welt? Und wie sieht die aus? Tolerant, ökologisch, feministisch vermutlich. Aber was passiert, wenn in einer Familie aus Afghanistan nur der Mann etwas zu sagen hat? Ist dann die Offenheit gegenüber der fremden Kultur wichtiger, oder sind es die Errungenschaften aus 40 Jahren Frauenbewegung? Und dürfte auch jemand ins Dorf ziehen, der für "geregelte Zuwanderung" ist, oder hört es mit der Toleranz da auf? Muss jeder den Müll trennen, darf man einen Porsche fahren?