Dass ich hochbegabt sein könnte, war mir nie in den Sinn gekommen. Das änderte sich erst durch meinen Sohn Simon. In der Schule galt er als Störenfried; oft sah er auch einfach nur aus dem Fenster und war abgelenkt. Auf die Idee, er könnte unterfordert sein, kam niemand. Beim Elterngespräch in der ersten Klasse beschwerte sich seine Lehrerin sogar bei mir: "Wir reden über A wie Apfel, und Ihr Sohn sagt: Atomkraft!" Ich dachte: Wo ist das Problem? Trotzdem bin ich mit ihm zum Psychologen gegangen, und der brachte mich schließlich darauf, dass mein Simon hochbegabt sein könnte.

Einen IQ-Test darf man erst mit 14 Jahren machen, so lange mussten wir warten. Gleich nach seinem Geburtstag gingen wir zu Mensa, dem Verein für Hochbegabte. Als Simon den Test bestanden hatte, sagte er zu mir: "Mama, das kannst du auch!" Ich dachte, probier ich’s einfach mal. Und mein Sohn hatte recht.

Als ich den Test machte, war ich Mitte vierzig, das ist relativ spät. Ich weiß, wie es ist, mit der Diagnose zu leben und ohne sie. Mich erleichtert es, seit einigen Jahren von meiner Hochbegabung zu wissen. Früher habe ich mich oft gefragt: Spinne ich jetzt? Bei der Arbeit hatte ich häufig Ideen, die ich total naheliegend fand, und meine Kollegen guckten mich mit leeren Augen an. Jetzt habe ich eine Erklärung dafür, dass ich manchmal anders und schneller denke als andere. Das Schönste ist aber, dass ich über Mensa meinen Lebensgefährten kennengelernt habe.

Ich finde den Umgang mit Hochbegabung in unserer Gesellschaft verkrampft. Es wird viel über Inklusion gesprochen, und das ist gut so. Aber zur Inklusion gehören auch jene am oberen Ende des Leistungsspektrums. Immerhin zwei Prozent der Menschen haben einen IQ von 130 und mehr und gelten damit als hochbegabt. Trotzdem gibt es gerade in Deutschland einen verschämten Umgang mit Begabung. In den USA drucken sich viele ihre Mitgliedschaft bei Mensa auf die Visitenkarte, in Deutschland hingegen gilt man als Streber, wenn man zu gut in der Schule ist oder sehr wissbegierig. Viele Hochbegabte wollen daher lieber nicht auffallen.

Meinen Sohn habe ich nach dem Gespräch mit der Lehrerin auf eine andere Schule geschickt, dort wurde er besser gefördert. Er hat sein Abitur als Jahrgangsbester bestanden und studiert heute Medizin. Jetzt wollen Sie bestimmt wissen, wer von uns den höheren IQ hat, mein Sohn oder ich. Aber es gibt bei uns Mensanern einen Kodex: Über den IQ spricht man nicht.

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