Dieser Bürgermeister hat Ambitionen. Sonst hieße sein Buch nicht Hoffnungsland, sondern vielleicht "Hoffnungsstadt". Olaf Scholz, das zeigt sein erstes Buch, will Europa aus der Krise führen. Hamburg ist dafür nicht unbedingt der ideale Standort, Berlin wäre schon besser – aber nun ist eben Martin Schulz der SPD-Kanzlerkandidat.

Scholz schreibt sein Buch, wie er Politik macht: mit einem Sinn für Ordnung, der an Langeweile grenzt. Er schreibt vom Feldherrnhügel aus, bewaffnet mit Statistiken und Studien. In 15 Kapiteln bespricht Hoffnungsland den sogenannten Summer of Migration, seine Vorgeschichte und seine Folgen. Zwar müsse man den Ansturm der Flüchtlinge auf Deutschland "nicht als Bedrohung, sondern als Auszeichnung für unsere offene Gesellschaft" sehen, meint Scholz. Dennoch "war es nicht gut, dass wir damals kurzfristig nicht mehr die volle Kontrolle darüber hatten, wer zu uns kam". Europa brauche "gesicherte Außengrenzen", die aber "kein Bollwerk" sein dürften.

Ein Widerspruch? Nicht für Olaf Scholz. Er plädiert für eine "intelligente Grenze", entlang derer europaweit vernetzte Institutionen Daten erfassen und abgleichen. Und für eine Exekutive, die draußen hält und abschiebt, wer nicht reindarf oder raussoll. Die Idee: Wer erfasst und kontrolliert ist, dem gibt man auch leichter ein Visum, weil man ihn im Zweifel einfach vor die Tür setzen kann, statt von seinem "Rückkehrwillen" abhängig zu sein.

Scholz macht viele Vorschläge dieser Art in Hoffnungsland. Gemeinsam ist ihnen das tiefe Vertrauen, dass die Dinge ordnungspolitisch in den Griff zu bekommen sind. Am Ende besteht die Lösung immer aus: Regeln, Kontrolle, Koordination, gerechter Lastenverteilung, europaweit.

Dass es bei der Verschärfung des Asylrechts (die bei Scholz nicht so heißen darf) mit der Gerechtigkeit oft nicht weit her ist – mit solchen Fragen hält sich das Buch kaum auf. Zur Erweiterung der sogenannten "sicheren Drittstaaten" auf die Länder des Westbalkans bemerkt Scholz etwa, die Länder selbst hätten "für eine solche Einstufung als sichere Herkunftsstaaten plädiert". Eine eigenartige Logik – als wäre die Selbsteinschätzung der Regierungen Beleg dafür, dass beispielsweise eine Diskriminierung von Roma und Sinti nicht stattfindet.

Zur neuen europäischen Ordnungspolitik nach Scholz-artigem Zuschnitt gehört eine "grundlegend neue Rahmenordnung für die Arbeitskräftezuwanderung nach Deutschland und Europa". Da sollen "klare, verlässliche und verständliche" Regeln gewährleisten, dass der EU-Raum mit den passenden und benötigten Arbeitsmigranten versorgt wird.

Dem politischen Gegner von rechts widmet sich das Buch auf gerade mal fünf von 223 Seiten. Scholz wundert sich, warum es "in wirtschaftlich erfolgreichen und politisch vergleichsweise stabilen Ländern einen Nährboden gibt für schlecht gelaunte, rechspopulistische Politik" – und versteht es am Ende doch: Schuld hat eine übellaunige Interpretation der fortschreitenden Globalisierung, die als Synonym für Kontrollverlust und sozialen Abstieg gesehen wird. Letztlich ist die "Überfremdung" durch Zugewanderte der politische Sündenfall.

Auch hier helfen dann nur: Vorschriften und ihre Einhaltung. "Natürlich müssen wir darauf beharren, dass in unserem Land unsere Werte gelten und sich alle an die Regeln halten. Und natürlich fällt es manchem Zugewanderten schwer, sich an alle Regeln zu halten", schreibt Scholz. "Die vielen Eingebürgerten, die sich an die Regeln halten, hier zur Arbeit gehen und ein ordentliches Leben führen, sind der lebende Beweis dafür, dass die meisten Zuwanderer eine andere Richtung einschlagen."

Ordentlich leben, sich anstrengen, die Gesetze beachten: Wenn alle das machen – Flüchtlinge wie Deutsche –, dann läuft der Laden. Und nur wenn die Deutschen dabei eine Wohlstandsperspektive haben, lassen sie die Flüchtlinge mit an den gedeckten Tisch. In den Worten von Hamburgs Erstem Bürgermeister: "Das Streben nach Glück (...) muss für alle, die sich anstrengen, auch Aussicht auf Erfolg haben. Nur dann werden Bürgerinnen und Bürger – gerade auch die mit unteren und mittleren Einkommen – die nötige Offenheit zur Welt befürworten."

Die Inländer, die Ausländer, die Gutmenschen und die Flüchtlings-Skeptiker: Olaf Scholz erzieht sie alle.

Olaf Scholz: Hoffnungsland. Eine neue deutsche Wirklichkeit; Hoffmann und Campe, 223 S., 22 ,–