Ich war wirklich überrascht. Kaum hat im halb autonomen Hongkong ein Wahlkomitee, das mehrheitlich mit Pro-Peking-Kräften besetzt ist, eine neue Regierungschefin gekürt, werden die neun Organisatoren der Demokratiebewegung Occupy Central angeklagt. Warum ausgerechnet jetzt? Vor mehr als zwei Jahren, im Herbst 2014, zogen die Hongkonger mit ihren Regenschirmen, die zum Symbol der Bewegung wurden, auf die Straßen. Doch erst an diesem Montag, einen Tag nachdem Carrie Lam, die Wunschkandidatin der Pekinger Regierung, zur neuen Chief Executive gewählt wurde, werden die Organisatoren angeklagt.

Die Straftatbestände reichen von Verschwörung zu öffentlichem Ärgernis bis zu Aufwiegelung. Allein das erste Delikt kann eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren nach sich ziehen. Die Staatsanwaltschaft kann den Zeitpunkt der Anklage selbst bestimmen. Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Anklagen um einen politischen Zug handelt, um eine Botschaft der Loyalität an die Pekinger Regierung.

Carrie Lam hat versprochen, die tiefe Kluft zwischen den Hongkongern zu heilen. Auf der einen Seite stehen jene, die mit Peking sympathisieren, darunter Tycoons, Geschäftsleute und Politiker. Auf der anderen Seite diejenigen, die sich mehr Demokratie wünschen. Ein Schritt wie die strafrechtliche Verfolgung der Organisatoren aber vertieft die Kluft nur noch mehr.

Carrie Lam ist nicht sehr populär bei den Hongkongern. Vor einiger Zeit hat ein Kamerateam sie bei einem Spaziergang durch Hongkong gefilmt, es sollte eine PR-Geschichte werden, mit der sie Sympathien gewinnen wollte. Dann aber wusste sie vor laufender Kamera nicht, wie man die Octopus-Karte benutzt. Dabei hat die doch jeder in Hongkong, wir bezahlen damit die Fahrten in U-Bahnen, Bussen und auf den Fähren. Ein anderes Mal gab sie ein Interview, aus dem hervorging, dass sie nicht wusste, wo man Toilettenpapier kaufen kann. Das zeigt, wie weit sie sich vom Leben der normalen Leute entfernt hat.

Ein anderer Kandidat für das Amt des Regierungschefs, John Tsang, ist sehr viel beliebter. Aus seinen Aussagen ging hervor, dass auch er keine pekingkritische Politik verfolgen würde, trotzdem entschied sich die chinesische Regierung für Carrie Lam. Sie küren einfach diejenige, die ihnen passt, ganz gleichgültig, wie die Hongkonger darüber denken.

Das Wahlkomitee setzt sich mehrheitlich aus Leuten zusammen, die pekingfreundlich sind. Sie handeln so: Schauen wir mal, wen die chinesische Regierung gerne ernennen würde, und den oder die wählen wir dann. Das ist doch keine Wahl, sondern eine Farce! Dann könnte die chinesische Regierung den Hongkonger Regierungschef doch genauso gut direkt ernennen.

Seit den Occupy-Central-Demonstrationen hat die Repression in Hongkong stark zugenommen. Wir Journalisten spüren sehr deutlich, dass die Pressefreiheit beschnitten wird. Die Chefs üben Druck aus, dass man die Führung nicht kritisiert. Dinge, die man früher schreiben konnte, sind jetzt tabu.

Auch in Lehre und Forschung werden die Freiräume kleiner. In früheren Jahren konnten Akademiker in Hongkong Konferenzen zu Themen ausrichten, die in Festlandchina als zu sensibel galten. Jetzt aber wurde der Organisator einer Konferenz, die sich kritisch mit Maos Unterdrückung der Intellektuellen auseinandersetzte, von den chinesischen Behörden behelligt. Eine Konferenz zur Kulturrevolution musste so verschoben werden, dass sie nicht an einem sensiblen Datum, dem Jahrestag der Kulturrevolution, stattfand. Ein kritischer Akademiker wurde von einer pekingfreundlichen Zeitung in einer Artikelserie wieder und wieder angegriffen.

Am meisten schockiert hat uns aber, dass im vergangenen Jahr fünf Buchhändler und Verleger, die ein Buch über das Liebesleben des chinesischen Präsidenten Xi Jinping herausgeben wollten, einfach verschwanden – sie wurden aufs Festland entführt, obwohl einer von ihnen zusätzlich noch die schwedische und ein anderer die britische Staatsbürgerschaft hat.

So etwas wäre früher nie geschehen! Hongkong war immer ein Ort, an dem politisch brisante Bücher über die chinesische Politik veröffentlicht werden konnten. Bisweilen gaben verschiedene Fraktionen des Pekinger Politbetriebs Informationen an die Autoren und Verleger weiter, um ihren politischen Spin zu drehen. Jetzt aber verschwinden Buchhändler einfach.

Seit Occupy Central hat die Regierung die sogenannte patriotische Erziehung verstärkt. Denn sie hat einen Mangel an Patriotismus als Grund für die Demonstrationen ausgemacht. Einmal kam meine Tochter vom Kindergarten, da war sie noch sehr klein, nach Hause und wollte unbedingt eine Fahnenzeremonie sehen. Das hatte sie dort gelernt.

Als sie sechs Jahre alt war, musste sie in der Schule einen Text lesen, Thema: Woran erkennt man, dass man Chinese ist? Eines der Kinder, die in dem Text zitiert wurden, sagte: "Ich habe schwarze Haare und gelbe Haut, daher weiß ich, dass ich Chinese bin." Das ist doch völlig sinnlos! Was ist denn dann mit den Japanern und Koreanern, die haben doch auch schwarze Haare und gelbe Haut? Und was ist mit den Hongkongern europäischer, indischer oder südostasiatischer Abstammung, von denen es hier so viele gibt?

Vor allem für die jungen Leute, die damals auf die Straße gingen, ist das alles sehr enttäuschend. Sie hatten so viel Elan und Idealismus, sie hofften, dass die Regierung ihnen zuhören würde. Die aber machte sehr deutlich, dass sie gar nicht daran denkt.

Viele Hongkonger sind zynisch geworden, immer mehr denken darüber nach, auszuwandern. Einige radikalisieren sich. Sie sind wütend, doch sie haben kein Ventil für ihre Frustrationen.