"Ich bin stolz auf das, was ich getan habe", sagt Shayara Bano, aber sie sagt es leise und schüchtern. Die 35-Jährige, die mit ihrem arglosen Blick so gar nicht wie eine Revolutionärin wirkt, hat einen juristischen Feldzug begonnen, der die Regeln infrage stellt, nach denen 180 Millionen Muslime in Indien leben. Für die einen ist sie eine Vorkämpferin für Frauenrechte, für die anderen eine Verräterin an ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft. Der indische Premierminister hat sich öffentlich mit ihrer Sache solidarisiert und sie damit zum Politikum gemacht. Sie selbst sagt: Anderen Frauen solle nicht mehr geschehen, was ihr widerfahren sei.

Wir treffen Shayara in der nordindischen Stadt Kaschipur, in einem leer stehenden Haus, das ihrem Bruder gehört und das die Familie als Ort für unser Gespräch ausgesucht hat, zu Hause sei es zu eng. Seit 2002, erzählt sie, habe sie in einer lieblosen und schikanösen Ehe gelebt. Ihre Schwiegermutter habe ihrer Familie nachträglich eine größere Mitgift abzupressen versucht (ein Auto; das ursprünglich vereinbarte Motorrad genügte nicht mehr), ihr Mann habe sie im Laufe der Jahre zu mehreren Abtreibungen gezwungen – "bloß um mein Leben elend zu machen". Mehrere Monate lang lebte sie bei ihren Eltern und Geschwistern, um sich pflegen zu lassen. Eines Tages kündigte ihr Mann die Zustellung eines Schriftstücks an, das in irgendeiner Grundstücksangelegenheit gebraucht werde. Aber als Shayara und ihre Verwandten die Postsendung angenommen und geöffnet hatten, war es eine talaknama, eine Scheidungserklärung. Sie hat das Papier zu unserem Treffen mitgebracht und zeigt es vor.

Shayaras Mann hatte ein Blitzverfahren zur Ehescheidung genutzt, das muslimischen Männern in Indien zur Verfügung steht. Sie müssen lediglich dreimal das Wort talak ("Scheidung" auf Arabisch) wiederholen, mündlich oder schriftlich. Man kann auch einfach eine SMS oder WhatsApp-Mitteilung schicken oder die Sache über Skype oder Facebook erledigen.

Shayara Bano hat gegen diese brutale und demütigende Praxis vor dem Obersten Gerichtshof in Neu-Delhi Klage eingereicht: Der "dreifache Talak" sei ein Verstoß gegen die Grundrechte der Frau und daher verfassungswidrig. Die indische Regierung hat sich vor Gericht auf die Seite der Klägerin gestellt. Muslimische Verbände dagegen sehen den dreifachen Talak durch die Religionsfreiheit geschützt und wehren sich gegen staatliche Einmischung in die Autonomie ihrer Glaubensgemeinschaft.

Der Streit um die islamische Schnellscheidung reicht ins Zentrum der indischen Gegenwart. Er ist zugleich ein Modellfall für die Probleme des Zusammenlebens in einer multikulturellen Gesellschaft. Nach welchen gemeinsamen Prinzipien funktioniert ein Land mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern, einem halben Dutzend Religionen und extrem unterschiedlichen Entwicklungsniveaus? Wie viel Fortschritt kann der Staat durchsetzen, wie viel Rückständigkeit muss er um des sozialen Friedens willen akzeptieren? Wie wägt man ab zwischen den Rechten der Frauen und der kulturellen Identität einer Minderheit? Das sind Fragen, die in Indien nicht nur im Zusammenhang mit dem Islam aufbrechen. Kürzlich kam es in Nagaland, einem Bundesstaat im Nordosten des Landes, zu Protesten. Die Stammesgemeinschaften, die dort ansässig sind, wehrten sich gegen eine Quotenregelung, die ein Drittel der Sitze, die bei lokalen Wahlen vergeben werden, für Frauen reservieren soll.

Die klassische indische Antwort auf die Herausforderungen der inneren Vielfalt ist das Leben in Parallelgesellschaften. Hindus in Indien (80 Prozent der Bevölkerung) haben ein anderes Familien- und Erbschaftsrecht als Muslime (15 Prozent der Inder) oder Christen (eine kleine Gruppe von zwei bis drei Prozent). Indische Muslime konnten bis 2014 keine Kinder adoptieren, weil die Scharia, das islamische Recht, keine Adoption kennt.

Das ist die typisch imperiale Art, in der die britischen Kolonialherren das Land verwalteten: Die Obrigkeit verlangte politischen Gehorsam, im Übrigen ließ sie die Untertanen in ihren traditionellen Gemeinschaften unter hergebrachten Gesetzen nebeneinanderher existieren – ein vormoderner Pluralismus. Die Verfassung des unabhängigen, republikanischen Indiens schreibt seit 1950 zwar vor, dass der Staat für alle Bürger ein einheitliches Zivilgesetzbuch schaffen solle. Aber eine Frist wird nicht genannt, und in den fast sieben Jahrzehnten seit der Staatsgründung ist nichts dergleichen geschehen.

Ejaz Maqbool will, dass das auch so bleibt. Der Anwalt vertritt im Streit um den dreifachen Talak die wichtigste muslimische Lobby-Organisation, die das islamische Recht bewahren will und sich gegen Shayara Banos Vorstoß wehrt. Maqbool, der uns in seinem Büro im Souterrain seines stattlichen Wohnhauses in Delhi empfängt, ist gerade von einem Besuch in London zurückgekommen. Etwa vierzig Länder, erklärt er stolz, habe er schon bereist. Er legt Wert darauf, dass man ihn nicht für einen Reaktionär hält.

Der dreifache Talak, das gibt er zu, sei auch nach islamischer Lehre "keine gute Art" der Scheidung. Aber es gebe bereits eine Menge Einschränkungen und Bedingungen für diese Praxis. Shayara Bano, sagt er, hätte auch unter geltendem Recht eine willkürliche Trennung verhindern oder wenigstens Unterhalt erstreiten können. Die Klage vor dem Obersten Gericht (und das öffentliche Echo, das sie gefunden hat) hält Maqbool für eine "Farce", um antimuslimische Stimmung zu machen.