Zwischen Werner Mors* und Frederic Gemmel liegen 65 Jahre Altersunterschied, ein Gebirge Lebenserfahrung und ein komplettes Berufsleben. Mors wohnt in München, mitten in einer Großstadt. Gemmel lebt in Hünxe in Nordrhein-Westfalen, auf dem Land. Und doch verbindet die beiden etwas. Werner Mors, 89 und Rentner, und Frederic Gemmel, 23 und Berufsanfänger, fürchten sich vor derselben Sache: vor steigenden Preisen.

Mors, der Rentner, hat gerade eine Mieterhöhung erhalten. Und wenn er auf dem Markt Obst, Gemüse und Fisch einkauft, dann merkt er, dass alles etwas teurer geworden ist; auch im Restaurant, wo er als Alleinstehender oft einkehrt, zahlt er mehr. Gemmel, ein Kriminalbeamter, fährt viel mit dem Auto, und dass die Spritpreise angezogen haben, spürt er deutlich im Portemonnaie. Vor allem aber setzt die Inflation beide unter Druck, weil zugleich die Sparzinsen am Boden bleiben. "Wie schaffe ich es, dass mein Notgroschen nicht noch mehr an Wert verliert?", sorgt sich deswegen Mors. Und Gemmel will wissen: "Wie kann ich mein Geld so anlegen, dass ich der Inflation entkomme, ohne dabei Verluste zu riskieren?" Um diese Fragen zu beantworten, hilft es, sich die Tragweite des Problems bewusst zu machen und auf die Spuren der Inflation zu begeben.

Nicht alle Sparer nehmen die Lage als gleich bedrohlich wahr

Steigende Preise auf der einen Seite, niedrige Zinsen auf der anderen: Diese Kombination könnte 2017 zum "allerschlechtesten Jahr" für Sparer seit Langem werden lassen, warnte jüngst Clemens Fuest. Der Präsident des Münchner ifo Instituts befürchtet, das Vermögen der Bürger werde "so stark wie lange nicht mehr" entwertet. Bayerns Finanzminister Markus Söder wird präziser: 100 Milliarden Euro würden Deutschlands Sparer verlieren, überschlug er im März. Angefacht von solchen Prognosen, wachsen die Ängste von Menschen wie Mors und Gemmel: Einer Studie der Großbank ING-DiBa zufolge sieht sich die Mehrheit der Deutschen inzwischen als "unzufriedene Sparer". Zugleich wächst offenbar die Verwirrung, was zu tun ist – denn auch wenn 26 Prozent sich sorgen, ob sie genug für das Alter zurücklegen, berichtet ein ähnlich großer Anteil, mehr Geld für Waren und Dienstleistungen auszugeben.

Doch die Wahrnehmungen und Ängste sind sehr verschieden ausgeprägt. Das belegt eine Umfrage von ZEIT GELD, an der sich rund 400 Leser der ZEIT und von ZEIT ONLINE beteiligt haben. Sie zeigt, dass die Sorgen wegen niedriger Zinsen und steigender Preise umso größer ausfallen, je älter die Befragten sind und je schlechter sie ihr Finanzwissen einschätzen (siehe Grafik). Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Aber offenbar haben ältere Menschen mit der Situation ein größeres Problem als jüngere – womöglich, weil es ihnen schwerer fällt, im Alter ihr gewohntes Konsum- und Sparverhalten zu verändern. Zudem verunsichern steigende Preise und niedrige Zinsen vor allem diejenigen, die nach eigenem Bekunden von Finanzen wenig verstehen – es ist ja auch nicht leicht, die besten Alternativen zum Sparkonto für sich selbst auszumachen. Dazu noch unter dem Druck, dass die Kaufkraft schmilzt und schmilzt. Das ist der Kern des Problems.

Florian Burg heißt der Mann, der sicherstellt, dass die Republik so schnell und so zuverlässig wie möglich erfährt, wie es um die Preisentwicklung bestellt ist. "Wir haben sehr hohe Anforderungen an die Genauigkeit", sagt Burg, "schon kleine Veränderungen sind von größter Bedeutung." Burg leitet das Referat Verbraucherpreise beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, in dem rund 25 Mitarbeiter Monat für Monat die Preise von mehr als 600 verschiedenen Waren und Dienstleistungen gewichten und zusammenrechnen, bis am Ende eine Zahl steht: die Teuerungsrate.

Auf den Spuren der Inflation

Von dem Hochhaus in Wiesbaden aus geht die Zahl auf die Reise. Sie erreicht wie auch die Zahlen aus den anderen Euro-Ländern die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt, deren Chef Mario Draghi mit ihrer Hilfe abwägt, ob er seine Geldpolitik anpasst: Solange die Preise in Europa kaum gestiegen sind, hatte er ein gutes Argument mehr, um die Zinsen bei null zu halten.

Wenn die deutsche Zahl kommt, kann sie ganz unmittelbar das Leben mancher Menschen verteuern – etwa jener, die eine sogenannte Indexmiete zahlen. Indexmieten steigen eins zu eins mit der Inflation – genau wie manche Betriebsrenten automatisch angepasst werden, wenn die Teuerungsrate anzieht. Die Zahl dient Gewerkschaften dazu, höhere Löhne zu fordern. Und nicht zuletzt zücken Finanzberater die Zahl, um Verbrauchern dynamisierte Versicherungen zu verkaufen: Dann steigen Prämie und Versicherungssumme im Jahres- oder Zweijahrestakt automatisch um ein paar Prozentpunkte an, damit die Policen auch bei steigenden Preisen nicht an Wert verlieren – was sich zumindest für die Vermittler in schönen, wiederkehrenden Provisionen niederschlägt.