"Liste der Jäger", steht ganz oben auf dem Flugblatt, in dicken hebräischen Buchstaben; darunter eine Tabelle mit 20 Namen, Telefonnummern und Adressen. "Wenn die Zukunft der ultraorthodoxen Gemeinde und der Welt der Thora dir etwas bedeuten", steht darunter, "dann nimm jetzt zumindest dein Telefon in die Hand und rufe jeden Einzelnen von ihnen an, um gegen all die Verbrechen, die sie begehen, zu protestieren!"

Der ehemalige Armeeangehörige Mosche Prigan hat das Flugblatt mit dem Handy fotografiert. Es ist eines von vielen, die in den letzten Jahren in ultraorthodoxen israelischen Städten auftauchten, auch in Bnei Berak nahe Tel Aviv, wo er selbst wohnt. Mit den "Jägern" sind Soldaten gemeint, die selbst aus der Gemeinde der Haredim kommen, wie die Strenggläubigen in Israel heißen, und versuchen, andere ultraorthodoxe Männer für den Wehrdienst zu gewinnen. Sieben Jahre lang war Prigan einer dieser "Jäger", und einer der erfolgreichsten: 700 Männer habe er rekrutiert. Doch dafür zahlt er einen Preis: Auch sein Name steht auf der Liste.

Obwohl er vor zwei Jahren aus der Armee ausschied, rufen radikale Wehrdienstgegner ihn noch heute an, beschimpfen und bedrohen ihn. Mosche Prigan ist ein rotblonder, kräftiger Mann von 32 Jahren, seiner Stimme hört man an, dass er als Offizier gewohnt war, Anweisungen zu geben. Er wirkt nicht wie ein Mann, der sich leicht einschüchtern lässt. Und doch sagt er: "Ich fühle mich in meinem Viertel nicht sicher."

Die Zahl ultraorthodoxer Männer, die sich freiwillig zur Armee melden, steigt seit Jahren. Andere jedoch wehren sich umso wütender dagegen. Der Konflikt schwelt seit Langem, doch in den vergangenen Monaten ist er neu entflammt.

Im Februar verhaftete die Polizei einen jungen Ultraorthodoxen, der zwar kein Thorastudent und damit nicht vom Wehrdienst befreit war, aber seinen Einberufungsbefehl ignoriert hatte. Daraufhin stürmten Tausende Haredim in Jerusalem, Bnei Berak und weiteren Städten die Straßen. Manche warfen Steine, zündeten Mülltonnen an und beschimpften Polizisten als "Nazis". Drei Polizisten wurden verletzt, 48 Randalierer festgenommen. Wenig später, Mitte März, baumelte eine Puppe in Armee-Uniform, symbolisch gehenkt, von einem Strommast in Mea Schearim, einem ultraorthodoxen Viertel in Jerusalem. In Bnei Berak wie in anderen ultraorthodoxen Städten hängen Unbekannte Poster auf, die Soldaten mit Schweinsgesichtern zeigen oder als "Hardakim" verunglimpfen, eine Abkürzung für "willensschwache Haredim", die nicht zufällig an "Haidakim", Bakterien, erinnert.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Der Konflikt ist die Spätfolge eines bald 70 Jahre alten Versprechens: 1948 wollte Israels erster Premierminister David Ben-Gurion die Unterstützung ultraorthodoxer Rabbiner für den neuen jüdischen Staat gewinnen, deshalb sicherte er ihnen zu, Thoraschüler vom Wehrdienst zu befreien. Damals betraf die Entscheidung nur ein paar hundert Männer, die ihr Leben dem Thora- und Talmudstudium widmeten. Doch weil ultraorthodoxe Familien traditionell kinderreich sind, wuchs ihr Bevölkerungsanteil rasch, bis heute auf elf Prozent; bis 2059 werden sie laut Prognosen knapp ein Drittel der Bevölkerung ausmachen.

Die meisten sind weiterhin vom Wehrdienst befreit, während alle anderen jüdisch-israelischen Frauen und Männer zwei beziehungsweise drei Jahre ihres Lebens für die IDF, Israels Armee, opfern müssen – und im Extremfall sogar ihr Leben. Je größer die Minderheit wird, desto lauter werden die Rufe aus der Mehrheit, diese Bürde gerechter zu verteilen.

Die militante Ablehnung der Strenggläubigen speist sich aus mehreren Quellen: Viele Haredim halten am Ideal des lebenslangen Thoraschülers fest, dem für weltliche Tätigkeiten keine Zeit bleibt. Viele fürchten, dass der Wehrdienst ultraorthodoxe Rekruten von ihrem traditionellen Lebensstil abbringen könnte. Die meisten Haredim leben isoliert von der Mehrheitsgesellschaft und praktizieren strikte Geschlechtertrennung; dass Frauen und Männer in vielen Einheiten gemeinsam dienen, gilt ihnen als unzüchtig.