Es könnte die größte humanitäre Katastrophe seit 1945 werden: Nicht in einem, sondern gleich in vier Ländern droht eine Hungersnot, die das Leben von 20 Millionen Menschen gefährdet. In Somalia, im Südsudan, in Nigeria und im Jemen. Schon jetzt, so warnen die Vereinten Nationen, sind 1,4 Millionen Kinder in akuter Lebensgefahr. Schon jetzt, so muss man hinzufügen, sterben Menschen. Denn das international definierte Stadium einer Hungersnot ist nicht der Beginn, sondern der Höhepunkt einer Krise, in der Nahrungsmittel und Wasser nicht mehr ausreichend vorhanden sind. Offiziell gilt dies bislang in einigen Gegenden des Südsudans, die anderen drei Länder stehen kurz davor.

Hunger ist keine Naturkatastrophe. Er kommt nie ohne Vorwarnung. Er wird von Menschen verursacht oder in Kauf genommen. Und er kann folglich von Menschen verhindert werden.

Wie also konnte ein solches Desaster wieder möglich werden – jetzt, da so viel über "Marshall-Pläne für Afrika", über Frühwarnsysteme und die Bekämpfung von Fluchtursachen geredet wird? Die kurze Antwort lautet: Eskalierende Kriege, globale Gleichgültigkeit und Überforderung.

Das Horn von Afrika leidet bereits seit Jahren an Dürreperioden, die womöglich auch durch den Klimawandel verschärft werden. Somalia ist in dieser Region am härtesten betroffen, weil es dort keinen funktionierenden Staat gibt, weil Teile des Landes weiterhin durch die islamistische Terror-Miliz Al-Shabaab kontrolliert werden und weil humanitäre Hilfsgüter immer wieder von Bewaffneten blockiert, konfisziert oder mit "Zöllen" verteuert werden.

In den anderen Fällen ist der Hunger eine Waffe in kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Südsudan, dem jüngsten Staat der Welt, treiben Regierungsarmee und Rebellen die Bevölkerung mit Kalkül in Sumpfgebiete weitab jeder Hilfe und greifen humanitäre Konvois an. Im Nordosten Nigerias, Schauplatz des Krieges zwischen Armee und der Terrorgruppe Boko Haram, gehen beide Seiten ohne Rücksicht auf Zivilisten vor. Deren Felder liegen in der Folge brach, und Hilfslieferungen sind aufgrund der Sicherheitslage derzeit fast unmöglich.

Das größte Katastrophengebiet aber ist zurzeit der Jemen. Dort führt eine von Saudi-Arabien geleitete und von den USA und europäischen Ländern unterstützte Koalition einen verheerenden Luftkrieg gegen die Aufständischen von der schiitischen Huthi-Miliz. Rund 18 Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, sind mittlerweile auf Hilfe angewiesen, sieben Millionen Menschen leiden bereits an Hunger, eine halbe Million Kinder sind akut unterernährt. Die Landwirtschaft ist weitgehend zum Erliegen gekommen, Brücken und Straßen sind zerbombt.

Was müsste passieren, um das Schlimmste zu verhindern? Nothilfe. Die ist immer teurer als Prävention. 2,1 Milliarden Dollar bräuchten die UN heute, um im Jemen eine Hungersnot abzuwenden. (Nur zehn Prozent davon haben sie bislang erhalten.) Man muss die Zahlen im Verhältnis sehen: Seit dem Beginn des Jemen-Krieges hat Saudi-Arabien allein in Großbritannien 3,2 Milliarden Dollar für Waffen ausgegeben.

Auch für die anderen drei vom Hunger betroffenen Staaten ist bislang nur ein Bruchteil der veranschlagten Gelder eingegangen. Die Kriege und Flüchtlingskrisen in Syrien und im Irak haben enorme Summen an Hilfsgeldern verschlungen. Und der wichtigste Geber fällt dieses Jahr womöglich aus: Die USA planen unter Präsident Trump radikale Einschnitte bei der internationalen Hilfe.