Da stand er plötzlich, ein alter Macintosh, von hundert Kinderhänden speckig gerieben, im Computerraum eines Internats im Westen Kenias. Er war der erste Computer, den Juliana Rotich, damals 13 Jahre alt, zu Gesicht bekam, der erste, an den sie ihr Herz verlor. Im abgeschiedenen Kreis Nandi aufgewachsen, 45 Minuten Fußmarsch vom nächsten Nachbarn entfernt, hatte sie dennoch mit religiösem Eifer Star Trek geschaut. Ein Computer, das lag in ihrer Assoziationskette gleich neben Commander Data, dem Leben im Weltall, einer großen Zukunft.

Und da wollte sie hin. Denn was wäre, sagt sie heute, 26 Jahre später, wenn Afrikaner neue Technologien nicht nur konsumieren, sondern auch erfinden würden? Schließlich sei dies ein idealer Kontinent, um Produkte zu entwerfen, die noch unter widrigsten Bedingungen funktionieren. Rotich, die sich vor 26 Jahren das Tippen und Programmieren beibrachte und zur Vorsitzenden des Internats-Computerclubs aufstieg – mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, das Kirchenprogramm abzuschreiben –, ist heute eine der Galionsfiguren der Start-up-Szene Kenias, die sich rühmt, die innovativste Afrikas zu sein. Rotich hat an einer Software mitgeschrieben, die in 150 Ländern verwendet wird und in 48 Sprachen benutzt werden kann, auf Japanisch und Arabisch, auf Mazedonisch und auf Deutsch. Die Idee dazu wäre ihr nicht einfach so am Schreibtisch gekommen, es brauchte noch etwas dafür: Widrigkeiten, Schwierigkeiten, Hindernisse.

Rotich sitzt im I Hub im Herzen Nairobis, das sie mitbegründet hat. In diesem Hochhaus teilen sich Start-ups mehrere Stockwerke. Schwarz und gelb gestrichene Wände, gerahmte Titelblätter der Zeitschrift Wired sowie Leute, die, den Laptop auf dem Schoß, in Sofas versinken. Unentwegt auf ihr Smartphone starrend, schaufeln manche Nudeln in sich hinein, während sich draußen auf der Ngong Road das alltägliche Drama des Nairobier Feierabendverkehrs entfaltet.

Rotich, hoch konzentriert und wieselschnell, läuft zu größter Form auf, wenn sie von hoher Datenübertragung und Vernetzung spricht. Und man könnte sich fragen, wieso eine wie sie, die in den USA studiert hat und für die superschnelles WLAN ein Grundbedürfnis ist, in ein Land zurückkehrte, in dem oft der Strom ausfällt. "Neue Ideen entstehen aus Widerstand", sagt Rotich.

Was das angeht, hat Kenia einiges zu bieten. Zwar gilt seine Entwicklung als eine der afrikanischen Erfolgsgeschichten, dysfunktionale Nachbarstaaten wie Somalia oder Südsudan lassen das Land geradezu grandios aussehen, aber mehr als 40 Prozent der Einwohner leben in Armut. Zu Beginn der Unabhängigkeit 1963 war das kenianische Pro-Kopf-Einkommen so hoch wie das in Malaysia. Inzwischen ist das malayische zehnmal höher.

Dem Land könnte es besser gehen, wenn der Regierung mehr am Allgemeinwohl läge. Die aber sei, darüber klagt fast jeder Kenianer nach spätestens fünf Minuten des Gesprächs, zutiefst korrupt. Tatsache ist, dass Kenias Präsident als viertreichster Staatschef des Kontinents gilt. Präsident und Vizepräsident, erzählt ein Insider, hätten die Ministerien unter sich aufgeteilt. Jeder von ihnen dürfe von seinen Ministerien "essen", so nennt man das hier, wobei auch Gefolgsleute und Mitwisser nicht leer ausgingen. Sie verfolgten daher nicht in erster Linie Vorhaben, die der Allgemeinheit nutzten, sondern solche, von denen am meisten "gegessen" werden kann. Derzeit wird zum Beispiel mit chinesischer Hilfe ein Kohlekraftwerk für zwei Milliarden US-Dollar gebaut, das keiner wirklich benötigt, weil das Land ohnehin mehr Strom produziert, als es verbraucht.

Die kenianische Politik ist – allen Beteuerungen der nationalen Einheit zum Trotz – nach wie vor tribalistisch organisiert: Widerstreitende Ethnien konkurrieren um die Macht (meist regiert der Stamm der Kikuyu), und wann immer einer neu an die Macht kommt, sagen er und seine Gefolgsleute sich: "Jetzt sind wir mit dem Essen dran."

Ein solches System lässt sich nicht über Nacht verändern. Man kann sich aber fragen, wie etwas in diesem Land trotz Korruption und Tribalismus funktionieren kann – und schon landet man wieder bei Juliana Rotich.

Die Idee zu ihrer Software kam ihr Weihnachten 2007, in dem Jahr, von dem sie noch heute in Kenia mit Schrecken sprechen. Nach der Wahl gab es Vorwürfe der Wahlmanipulation. Die Illusion der nationalen Einheit zerbrach, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen, mehr als 1100 Menschen starben. "Es war traumatisierend", sagt Rotich. "Ich hatte vorher wirklich geglaubt, dass Kenia abheben würde. Es war, als sitze man in einem Raumschiff und zähle bereits den Countdown. Und dann war mit einem Mal alles vorbei." Besonders schlimm war die Gewalt in Eldoret, wo Rotich, die damals noch in den USA lebte, Weihnachten bei ihrer Familie verbrachte.

Ein Mob setzte eine Kirche in Brand, Hunderte kamen in den Flammen um. Rotich hörte die Gerüchte, sah die Straßensperren, wusste aber ebenso wenig wie alle anderen, was genau geschehen war. "Die Regierung hatte eine Mediensperre verhängt." Das Internet jedoch war damals nicht zensiert, es gab auch noch sehr wenige Nutzer. Rotich kontaktierte befreundete Blogger, jeder berichtete, was gerade in seinem Heimatort geschah, Stück für Stück setzten sie das Bild der politischen Lage im Land zusammen.