So entstand die Idee zu Ushahidi, auf Swahili heißt das "Zeuge": Menschen senden per SMS, Mail oder auf anderen Wegen Informationen an ein Team von Freiwilligen, das die Nachrichten sammelt und auf einer Karte festhält, die jederzeit aktualisiert werden kann. Sie stellten die Software zur freien Verfügung – "und wir waren selbst überrascht, wofür sie alles genutzt werden kann." In Saudi-Arabien dokumentierten Nutzer Menschenrechtsverstöße, in Ägypten sexuelle Übergriffe, in den USA halten sie damit seit der Wahl Donald Trumps Fälle von hate speech fest, also Beleidigungen von Minderheiten. Hilfsorganisationen nutzten die Software beim großen Tsunami in Japan, die amerikanische Küstenwache griff beim Erdbeben in Haiti darauf zurück.

Die kenianischen Widrigkeiten hatten zu einer Idee geführt, und das ist nicht der einzige Fall dieser Art. So verfügen nur wenige Menschen in Kenia über ein Bankkonto, weshalb sie nur schwer an Kredite kommen. Dass sie keine Kreditkarte besitzen, behindert außerdem den Zahlungsverkehr. Doch wie in vielen Ländern Afrikas sind Mobiltelefone verbreitet. Da lag der Gedanke nahe: Wie wäre es, wenn die Leute mit ihrem Mobiletelefon Geld versenden könnten?

Dieses Problems nahm sich im Jahr 2007 der kenianische mobile Finanzdienstleister Safaricom an, der zum Teil Vodafone gehört. Er entwickelte ein System namens M-Pesa, und es funktioniert so: Der Nutzer kann Bargeld an einem Kiosk einzahlen, die Summe wird auf sein M-Pesa-Konto gebucht, und zwischen diesem Konto und denjenigen seiner Geschäftspartner ist nun bargeldloser Geldtransfer möglich. Ein kenianischer Student entwickelte die Software für M-Pesa, gefördert wurde das Projekt mit Geld aus der britischen Entwicklungshilfe. Das System ist einfach, schnell und funktioniert noch im letzten Winkel des Landes. Inzwischen fließen 43 Prozent des kenianischen Bruttoinlandsproduktes über M‑Pesa, weitere 15 Prozent über vergleichbare Anbieter, und mittlerweile gibt es Ableger von M‑Pesa in vielen anderen Ländern, auch in Afghanistan und Osteuropa.

Die Idee revolutionierte das Geschäftsleben Kenias, viele Menschen konnten ihre Unternehmen darauf aufbauen, bis hin zu Kleinunternehmern in den Slums. "Den Unternehmergeist hatten die Menschen schon vorher", sagt Rotich. "Jetzt haben sie eine bessere Technologie dafür." Inzwischen gewähren Unternehmen Kredite abhängig von den M-Pesa-Transaktionen eines Kunden.

Die Digitalisierung macht viele Fortschritte in Kenia möglich. Bauern erfragen mithilfe ihres Mobiltelefons die Marktpreise für Agrarprodukte –und vermeiden damit, auf Zwischenhändler hereinzufallen, die ihnen falsche Preise nennen. Telemedizin ist ein weiteres Beispiel; bald soll es möglich sein, dass Ärzte in den großen Kliniken per Video bei Untersuchungen zugegen sind, die an abgelegenen Orten durchgeführt werden.

Armut und Elend werden mit alledem nicht abgeschafft, aber in Kenia ist die Ansicht verbreitet, dass die neuen Technologien das Leben bereits verbessert haben. Eine Studie des Massachusetts Institute for Technology zeigt, dass zwischen 2008 und 2014 zwei Prozent der kenianischen Haushalte nur dadurch der Armut entkommen konnten, dass sie Zugang zu M-Pesa gewannen.

Der Erfolg von M-Pesa liegt auch daran, dass sich das System gut in die Kultur der Bevölkerung einpasst. Rotich spricht in diesem Zusammenhang von "Kontextintelligenz": M-Pesa funktioniere, "weil die Entwickler den Markt und die Infrastruktur verstanden haben. Der Kiosk, der Duka, war schon immer ein wichtiger Teil der Swahili-Kultur", sagt Rotich. "Das verstand jeder, das gehörte zur Kultur. Und so konnte auch M-Pesa Teil der Kultur werden."

So sieht der Gegenentwurf zu jenem Ansatz aus, den westliche Länder oft mit ihrer Entwicklungshilfe verfolgen: Formuliere ein großes Ziel, schicke Geld – und wundere dich, dass die Ziele nicht verwirklicht werden. Das Problem sei, schreibt der amerikanische Entwicklungsökonom William Easterly in seinem Buch White Man’s Burden ("Die Bürde des weißen Mannes"), dass diese Art von Hilfe nicht nachfrageorientiert sei. Sie richte sich nach den Wünschen und Vorstellungen der Wählerschaft in den Industrieländern und weniger danach, was die Menschen in den Ländern, denen geholfen werden soll, eigentlich brauchen – und auf welchen Wegen man ihnen am besten helfen könnte. Hinzu komme mangelnde Kenntnis der Geschichte und Kultur der Empfängerländer, schließlich kann nicht jedes Land auf die gleiche Weise zu Wohlstand gelangen.

Rotich hat mittlerweile ein neues Unternehmen gegründet: BRCK. Nachdem sie zurück nach Kenia gezogen war, hatte sie mit Stromausfällen zu kämpfen. "Das macht überhaupt keinen Spaß. Du programmierst, und mit einem Mal ist deine ganze Arbeit weg." Warum, fragte sie sich, nutze ich ein Modem, das für Industriestaaten entwickelt wurde, wenn ich doch in einem Entwicklungsland sitze? Gemeinsam mit ihren Mitstreitern entwarf sie einen robusten Mikroserver in einem wasser- und staubdichten Aluminiumgehäuse, der in dem Moment, in dem der Strom ausfällt, auf eine Batterie zurückgreift, und sich statt mit dem Festnetz mit dem nächsten verfügbaren Mobilnetzwerk verbindet.

Der BRCK ist auch Kernstück eines Lernkoffers, der es Schülern in abgelegenen Orten ermöglichen soll, IT-Unterricht zu bekommen. Bestellungen erhielt Rotich bereits unter anderem aus Pakistan und von den Salomon-Inseln. "Wenn es in Afrika funktioniert", sagt sie, "funktioniert es schließlich überall."

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