Überrumpelt wurden alle. Auch Nadine Hoch, die Geschäftsführerin von Kibesuisse, dem Branchenverband der Schweizer Kinderbetreuung. Von August an dürfen Praktikantinnen im Kanton Bern nur noch für sechs Monate angestellt werden. Danach darf der Vertrag zwar für maximal sechs weitere Monate verlängert werden. Das bringt den Kinderkrippen aber nichts, denn sie können die Praktikantinnen nicht mehr für 600 bis 900 Franken pro Monat arbeiten lassen – sondern müssen sie mit mindestens 3.000 Franken entlöhnen. Das entspricht dem branchenüblichen Lohn einer ungelernten Mitarbeiterin im Kanton Bern.

"Skandal!", rufen nun private Anbieter, unser Geschäftsmodell ist gefährdet, und Nadine Hoch von Kibesuisse sagt: "Kleine Betriebe wird es in den Konkurs treiben, wenn sie keine zusätzlichen Finanzhilfen erhalten."

Der wahre Skandal ist ein anderer. Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das große Emanzipationsprojekt der vergangenen Jahre, es hat auf dem Buckel von jungen Frauen stattgefunden – den Praktikantinnen.

Gut 54.000 Betreuungsplätze für Kleinkinder bis fünf Jahre wurden in den letzten 14 Jahren geschaffen. Der Bund hat den Ausbau mit 353 Millionen Franken gefördert. Doch niemand hat gewagt, das rasante Wachstum infrage zu stellen oder einmal genauer hinzuschauen, wer da eigentlich zu den Kindern schaut.

55 Prozent des Personals in Deutschschweizer Kindertagesstätten haben keinen pädagogischen Abschluss. Das zeigt eine Mitgliederbefragung von Kibesuisse aus dem vergangenen Jahr. Eine Gruppe sieht in der Regel so aus: zehn bis zwölf Kinder, drei Betreuerinnen. Eine davon hat eine Ausbildung, eine zweite ist in der Lehre, eine dritte macht ein Praktikum. Während sich das ausgebildete Personal auch um administrative Belange kümmert und die Lehrtochter an einem oder zwei Tagen in der Schule ist, arbeitet die Praktikantin als Einzige während der ganzen Woche mit den Kindern. Sie spielt, füttert, wickelt, schlichtet, tröstet. Alles aus Freude an den kleinen Kindern und in der Hoffnung, eine Lehrstelle zu erhalten.

Denn Fachfrau Betreuung (Fabe) ist der Traumberuf von unzähligen jungen Frauen (und wenigen Männern) in der Schweiz. Seit der Einführung im Jahr 2005 steht er auf Rang drei der beliebtesten Frauenberufe – nach dem KV und dem Pendant im Gesundheitswesen, der Fachfrau Gesundheit.

Das Praktikum dient einzig und allein der Buchhaltung der Kita

Die dreijährige Ausbildung hat sich klammheimlich zu einer vierjährigen entwickelt. Von den 222 Jugendlichen, die letztes Jahr im Kanton Bern eine Fabe-Lehre begonnen haben, haben 198 vorher ein Praktikum absolviert. Auch Karin Fehr, Geschäftsführerin von Savoirsocial, der Dachorganisation, die sich um die Weiterentwicklung des jungen Berufes kümmert, geht davon aus, dass "rund 90 Prozent der Jugendlichen sich die Lehrstelle mit einem jährigen Praktikum verdienen müssen". Und dies in einem Beruf, der vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation anerkannt und so konzipiert ist, dass er nahtlos an die obligatorische Schulzeit anschließt.

Tausende junge Frauen machen nach dem neunten Schuljahr, wozu ihnen kein Berufsberater guten Gewissens raten kann: ein Praktikum. Eines, das es gar nicht braucht, ja, das nicht selten zur Sackgasse wird. "Viele finden auch nach zwei Praktika keinen Ausbildungsplatz", sagt Karin Fehr. Dies, weil weniger Lehr- als Praktikumsstellen angeboten werden. "Das Spiel mit den falschen Hoffnungen ist unwürdig und schadet dem Image einer ganzen Branche", sagt Fehr weiter. "Wir kämpfen seit Jahren für einen fairen Einstieg in den Beruf und sind ernüchtert, wie wenig sich bisher getan hat."