DIE ZEIT: Frau Simoni, fragt man Praktikantinnen in Schweizer Kinderkrippen, was sie an ihrer Arbeit mögen, lautet die Antwort: Ich habe Kinder gerne. Reicht das?

Heidi Simoni: Es ist eine gute Voraussetzung, aber nicht genug, um den Alltag mit einer Gruppe von Kindern zu bestreiten.

ZEIT: Trotzdem ist mehr als die Hälfte des Personals in Deutschschweizer Krippen nicht oder nicht fertig ausgebildet.

Simoni: Gegen die Frauen und Männer, die noch in Ausbildung sind, ist nichts einzuwenden. Das Problem sind die Mitarbeitenden, die keine Ausbildung haben – und auch keine bekommen. Also die Praktikantinnen und Aushilfen. Zum einen arbeitet jeder Mensch besser, wenn er eine Perspektive hat; die Möglichkeit, sich zu entwickeln, seine Arbeit zu reflektieren. Das motiviert. Zum anderen unterschätzen die meisten Menschen, was es heißt, eine Gruppe sehr junger Menschen zu begleiten. Dafür reicht ein gutes Herz allein nicht.

ZEIT: Was braucht es darüber hinaus?

Simoni: Man muss imstand sein, auf jedes Kind einzugehen. Sich zu überlegen, welches "Futter" es braucht, damit es sich gut entwickeln kann – und wie man ihm dieses bereitstellen kann. Mit anregenden Spielen, Materialien. Die Kinder sind in einem Alter, in dem sie auch sozial ganz grundsätzliche Dinge lernen: miteinander zu spielen, zu streiten, sich zu unterstützten. Obwohl diese Entwicklungen selbstverständlich sind, braucht es eine aufmerksame Begleitung.

ZEIT: Was kann eine ausgebildete Betreuerin ein Kind beim Streiten lehren, was eine Praktikantin nicht kann?

Simoni: Sie kann dank ihrer Erfahrung und ihrem Wissen treffsicherer abschätzen, was in einer Gruppe abgeht. Und entscheiden, ob sie intervenieren muss – oder ob sie die Kinder ermuntert, den Konflikt selber auszutragen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Zwei Kinder, 15 und 18 Monate alt: Wenn die sich nun um ein Spielzeugauto balgen, ist es verlorene Liebesmüh, wenn man sie zum Teilen animieren will. Da kommen Sie mit Allgemeinplätzen nicht weiter, da braucht es entwicklungspsychologisches Wissen. Und das sagt einem, dass Kinder in diesem Alter für das Konzept des Teilens noch zu jung sind.

ZEIT: Eltern haben in den meisten Fällen auch keinen Abschluss in Entwicklungspsychologie.

Simoni: Nun, in einer Kita-Gruppe ist man auch nicht für ein, zwei oder drei, sondern für zehn bis zwölf Kinder pro Tag und bis zu 25 Kinder in der Woche verantwortlich. Kinder mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Entwicklungsständen, familiären Hintergründen.

ZEIT: Wie würde denn die ideale Ausbildung einer Krippenbetreuerin aussehen?

Simoni: Es braucht, wie in jeder Branche, eine ganze Palette: Eine solide Grundbildung, also eine Berufslehre. Die haben wir mit der Fachperson Betreuung (FaBe). Dazu braucht es Weiterbildungsmöglichkeiten, und zwar sowohl zur Reflexion der Praxis als auch zur Wissensvertiefung. Die gibt es, zum Teil aber erst in zarten Anfängen.

ZEIT: Für Kindergärtnerinnen wird vielleicht bald ein Master-Abschluss erwartet. Braucht es das auch in den Krippen?

Simoni: Heute schließen sich viele Kitas zu größeren Verbünden zusammen. Je nach Funktion braucht es da Personal mit einem Fachhochschulabschluss oder einem Pädagogik-Studium für die Leitung.

ZEIT: Von einer besseren Ausbildung für Kinderbetreuerinnen profitieren würde auch das Marie-Meierhofer-Institut, das Sie leiten. Sie bieten selbst Weiterbildungen und Supervisionen für das Krippenpersonal an.

Simoni: Das große Geschäft? Nein, das können wir im Frühbereich definitiv nicht machen.

ZEIT: In den vergangenen Jahren hat der Staat massiv in den Ausbau von Krippen investiert. Er wollte damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Konnte die Qualität der Krippen in diesem Boom mithalten?

Simoni: Der Schub war nötig. Das Problem ist: Wenn Eltern ein ergänzendes Betreuungsangebot in Anspruch nehmen, müssen sie sich darauf verlassen können, dass es gut ist.

ZEIT: Und, können Eltern das?

Simoni: Nur bedingt.

ZEIT: Warum?

Simoni: Eltern haben zwar durchaus ein gutes oder ein schlechtes Gefühl, wenn sie eine Krippe besichtigen oder ihr Kind bringen. Sie sehen aber nur einen kleinen Ausschnitt. Sein und Schein sind schwierig zu durchschauen. Eine Garantie, dass sich die Einrichtung um die Qualität kümmert und pädagogisch sorgfältig arbeitet, gibt es längst nicht überall.

ZEIT: Eine Studie Ihres Institutes untersuchte vor fünf Jahren die Schweizer Kinderkrippen und stellte ihnen kein gutes Zeugnis aus. Keine bekam die Note "sehr gut", fast jede dritte ein "ungenügend".

Simoni: Das muss ich relativieren!

ZEIT: Gerne.

Simoni: Wir haben ein ursprünglich amerikanisches Instrument angewendet. Dieses rückt gewisse Dinge in den Vordergrund, etwa was Hygiene oder Sicherheit betrifft. Dinge, bei denen wir hier einen etwas entspannteren Umgang haben. Das hat die Resultate stark geprägt.

ZEIT: Die Studie hat aber auch gezeigt, dass es kaum darum geht, die Entwicklung der Kinder zu fördern.

Simoni: Die Schweizer Kitas waren zu lange – ich sage das in Anführungszeichen – reine "Betreuungseinrichtungen". Doch langsam realisiert man, wie wichtig die frühkindliche Bildung ist. Wenn Kinder sozial, aber auch motorisch und intellektuell ihr Potenzial entfalten können, werden sie selbstbewusste Lernende, was ihnen den Schulstart erleichtert. Diese Aufgabe von Kitas und Spielgruppen wird noch viel zu wenig honoriert.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Simoni: Es ist noch nicht in den Köpfen, dass aufmerksame und liebevolle Betreuung nicht gratis zu haben ist. Es erschüttert mich, zu sehen, dass junge, unausgebildete Frauen ausgebeutet werden, weil man findet, für die Betreuung der Kleinsten sei die billigste Variante gut genug.

ZEIT: Sie kämpfen mit Ihrem Team seit Jahren dafür, dass Krippen als Bildungsorte angesehen werden. Wer würde davon profitieren?

Simoni: Studien zeigen, dass Kinder, die daheim viele intellektuelle Anregungen erhalten, von der Kita eher sozial und emotional profitieren. Kinder, die zu Hause eher zu kurz kommen mit intellektuellen Anregungen, erhalten in der Kita kompensatorisch Kopf-Nahrung. Eine gute Krippe wirkt für alle ausgleichend.

ZEIT: Sie haben einmal geschrieben, dass ein Kind in der Krippe mindestens "keinen Schaden nehmen sollte". Ein nicht sehr hoher Anspruch.

Simoni: Das ist so. Aber wenn die Qualität nicht stimmt, nimmt das Kind in der Krippe Schaden.

Jedes Kind?

Simoni: Nein. Kinder, die durchschnittlich robust sind und in tragfähigen, anregenden Elternhäusern leben, für die ist es nicht so schlimm.

ZEIT: Sie profitieren zwar nicht ...

Simoni: ... was auch jammerschade ist, aber sie nehmen keinen Schaden. Für empfindliche oder aufgrund ihrer Lebensumstände verletzliche Kinder kann eine schlechte Betreuung verheerend sein.

ZEIT: Also, wie findet man die richtige Krippe?

Simoni: Schwierig. An vielen Orten hat man gar keine Wahl. Und wo sie da ist, können die Eltern die Qualität eben schwierig abschätzen. Es ist eine Zwickmühle. In der Stadt Zürich etwa können sie zwar darauf vertrauen, dass die Aufsicht ihre Arbeit sorgfältig erledigt, doch selbst hier macht der Staat nur Minimalvorgaben. Es geht um Kinderschutz – aber gut gefördert ist ein Kind deswegen noch lange nicht.

ZEIT: Was fehlt?

Simoni: Es gibt erste Labels, die dafür sorgen, dass die Krippen nicht nur behaupten, dass sie gut arbeiten, sondern dies auch nachweisen: mit interner Qualitätsentwicklung und externer Rückmeldung.

ZEIT: Eine letzte Frage, Frau Simoni – wenn man Ihnen so zuhört, stellt sich zwangsläufig die Frage: Sollen Eltern ihre Kinder überhaupt in einer Kita betreuen lassen?

Simoni: Ja, sicher. Die Frage ist, ab wann. Unsere Erfahrung zeigt, dass es einem Kind in seinem ersten Jahr in einer überschaubaren sozialen Welt am besten geht. Doch welche erwerbstätigen Eltern können sich diesen Luxus leisten?