"21.000 getötete Patienten pro Jahr in deutschen Krankenhäusern und Heimen?" Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein Sachbuch mit solchen Worten angekündigt wird. Der Verlag Droemer verschickte für Ende März eine Einladung mit dieser Formulierung. Sie sollte auf das neue Buch "Tatort Krankenhaus" hinweisen, in dem von dieser Zahl die Rede ist – und das am Mittwoch dieser Woche in einer Diskussionsveranstaltung mit dem Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) vorgestellt werden sollte. Wir verabredeten uns vorab mit Karl H. Beine, der das Buch zusammen mit der Journalistin Jeanne Turczynski geschrieben hat, in seinem Büro am St. Marien-Hospital in Hamm. Er ist dort Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Beine lehrt zudem als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke.

DIE ZEIT: Herr Beine, Sie haben inzwischen Ihr drittes Buch über Tötungen im Krankenhaus geschrieben. Warum beschäftigt dieses Thema Sie so sehr?

Karl Beine: Ich habe in den neunziger Jahren in einer Klinik in Nordrhein-Westfalen gearbeitet, in der ein Krankenpfleger überführt wurde, der Patienten getötet hat. Diesen Pfleger kannte ich, und einen Patienten, den er umgebracht hat, kannte ich auch. Das hat mich damals tief bewegt.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, in Krankenhäusern und Heimen könnte es zu mehr als 21.000 Tötungen gekommen sein – in einem Jahr. Wie kommen Sie auf eine so große Zahl?

Beine: Mehr als 5.000 Ärzte und Pfleger in ganz Deutschland haben einen Fragebogen ausgefüllt, auf dem unter anderem diese beiden Fragen standen: "Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?" Und: "Haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten schon einmal von einem oder mehreren Fällen gehört, bei denen an Ihrem Arbeitsplatz das Leiden von Patienten aktiv beendet wurde?" Aus den Antworten haben wir diese Zahl errechnet.

ZEIT: Wie haben Sie die Teilnehmer der Befragung ausgewählt?

Beine: Wir haben alle Krankenhäuser und Pflegeheime in Deutschland angeschrieben, per Mail und per Post.

ZEIT: Das heißt, die Leute haben selbst entschieden, ob sie an der Umfrage teilnehmen. Und sie wussten auch, worum es im Fragebogen geht?

Beine: Ja.

ZEIT: Dann liegt es nahe, zu unterstellen: Klinikangestellte, die solche Fälle mitbekommen haben und sich darüber Sorgen machen, nehmen eher an der Befragung teil. Könnte das nicht zu einer Verzerrung führen?

Beine: Ja, diese Gefahr besteht. Aber das ist bei Befragungen immer so. Über diejenigen, die nicht geantwortet haben, lässt sich trefflich spekulieren.

ZEIT: Sie kommen, ausgehend von Ihrer Befragung, auf 14.461 Tötungen in Krankenhäusern und 6.857 Tötungen in Heimen. Wie genau sind Sie zu diesen Zahlen gelangt?

Beine: Wir haben die Ergebnisse aus den Fragebögen auf die Gesamtzahl der in Krankenhäusern und in Pflegeheimen tätigen Krankenpfleger, Altenpfleger und Ärzte bezogen.

ZEIT: Das heißt, Sie haben die Stichprobe behandelt, als sei sie repräsentativ.

Beine: Nein, wenn ich das getan hätte, dann hätte ich das als Hochrechnung bezeichnet, nicht als empirische Schätzung. Darauf wird im Buch ausdrücklich hingewiesen. Deshalb stehen die Aussagen über die Zahl der Tötungen auch überall im Konjunktiv. Und es heißt ausdrücklich, dass sich hinter "aktiv beenden" sehr unterschiedliche Tötungsdelikte verbergen können.

Tatsächlich nutzt Beine im Buch konsequent den Konjunktiv und sagt, dass die Befragung nicht repräsentativ sei. Doch obwohl er im Interview nicht den Begriff "Hochrechnung" verwenden will, finden wir bei erneuter Lektüre seines Buchs folgende Formulierung: "Rechnet man diese Zahlen auf die Gesamtheit aller in Deutschland tätigen Ärzte und Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen hoch, würde sich folgendes Bild ergeben […]" ("Tatort Krankenhaus", Seite 12)

ZEIT: Aber sind in dieser Zahl, 21.000, nicht auch viele Fälle von passiver Sterbehilfe enthalten? Wenn ein Arzt etwa einer Patientin, die bald sterben wird, Morphium spritzt, um ihre Schmerzen zu lindern, nimmt er damit oftmals in Kauf, dass er damit ihr Leben verkürzt. Dieser Mediziner hätte auf Ihre Fragen vielleicht genauso mit Ja geantwortet wie mancher Arzt, der auf der Intensivstation arbeitet und eine lebensnotwendige Maschine bei einem todgeweihten Patienten nicht weiterlaufen lässt ...

Beine: Das kann ich nicht ausschließen. Unsere Fragen lassen sicher einen Interpretationsspielraum. Aber: "Aktives Beenden" ist in meinen Augen etwas anderes als Beihilfe zum Suizid oder die Behandlung von Schmerzen, wenn dabei unbeabsichtigte Nebenwirkungen auftreten, die den Sterbevorgang verkürzen.

ZEIT: Was glauben Sie: In wie vielen der 21.000 Fälle ging es um passive Sterbehilfe?

Beine: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

ZEIT: Die deutliche Mehrheit?

Beine: Ich würde mich da ungern festlegen. Wie häufig die spezifische Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen und Arbeitsbedingungen wirklich zu einer Tötungsserie führt, können wir auch jetzt nicht sagen. Da muss weiter geforscht werden. Aber immerhin sind in den vergangenen Jahren allein im deutschen Sprachraum zehn Tötungsserien bekannt geworden. Außerdem bin ich in den vergangenen 25 Jahren häufiger um Beratung bei suspektem Verhalten gebeten worden. Erst Anfang März 2017 hat ein Altenpfleger aus Rheinland–Pfalz gestanden, dass er eine Heimbewohnerin getötet hat. Aus all diesen Gründen fällt es schwer, die Behauptung von den Einzelfällen aufrechtzuerhalten.