Das kritische Bedenken der Lage erfährt seine eigene Krise. Es ist, als ob die Lage ein wie üblich und wie früher geartetes Denken abstoße wie alten Lack und es als verbraucht und inkommensurabel erscheinen lasse. Nun ist seit Längerem der untergründige Strom beliebigen Geplappers so stark, dass davon auch die feineren Sondierungen weiter oben nicht unberührt bleiben, ja selbst oft in den Strudel des billigen Meinens geraten.

Ideenkitsch – weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester. Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kitsch, Kitsch von Kunst und Wahn – dies alles sich vorstellen als eine erstarrte Paste, ausgedrückt aus einer Tube wie von Claes Oldenburg. Dick aufgetragen, obszön vorquellende Paste aus zerquetschter Tube.

Nun, es herrscht Unruhe, und jede Entwicklung kann sich überstürzen.

Immerzu jähes Geschehen, das dem Bedenken zusetzt, ihm den Atem raubt, weil es sich wieder einmal in die Ordnung des bereits Geschehenen nicht fügen will. Jedoch, indem es nun einmal dem menschlichen Ermessen sich darbietet und Menschen es nach ihrer Gewohnheit irgendwie unter Dach und Fach bringen müssen, bemerken dabei die wenigsten, dass dies jähe Geschehen ihr Dach und Fach längst in Stücke schlug.

Eine "grundlegende Reform der Intelligenz" forderte Ortega y Gasset im Buch des Betrachters, nämlich eine, die sich vom öffentlichen Gebrauch, den Normen des öffentlich Denkbaren, abwendet. Das hieße heute: wider die kritische, die durch Kommunikation ausgeleierte, erschöpfte, die immer im Ganzen überblickbare, die nie und niemanden überraschende Intelligenz. Stattdessen für ein sacrificium intellectus, dargebracht dem Undurchdringlichen, dem Staunen, der Verwirrung und dem Schweigen. Bei Ortega heißt es dazu noch: Der Geist ist nur etwas wert, wenn er niemandem nützt und aus der "tönenden Einsamkeit" des Lebens (Juan de la Cruz) aufsteigt.

Die Perturbierten, die Verwirrten, die den aufgewirbelten, von den Füßen ihnen zu Kopf steigenden Staub der Stunde denken, der ein wenig glitzern mag in der Abendsonne, aber schnell hinfällig wieder zu Boden sinkt. Die Äußerungen zur gegenwärtigen Lage, die mehr vergegenwärtigen wollen als promptes politisches Bekennen, leiden häufig an der nämlichen Schwäche: Sie sagen nichts als das Naheliegende. Gute Reflexion entfernt indessen ihren Gegenstand, bis er sich etwas befremdlich und damit vielleicht erkenntnisergiebiger ausnimmt als im aufgegriffenen Zustand.

Perturbatio: Ein Weltführer, der nicht führen kann, stiftet Verwirrung, ein Volksentscheid (Brexit) wider alle Vernunft stiftet Verwirrung, eine Regierungschefin überblickt die Tragweite ihrer Entscheidung nicht und stiftet Verwirrung, ein Terrorakt, eine neue Rechte stiften Verwirrung et cetera. Vielleicht legten die Verlautbarer besseres Zeugnis ab, wenn sie eine Weile innestünden der Verwirrung, deren weit ausladende Schwingung bis an sich selbst herankommen ließen, statt unverzüglich sich mit den alten Ordnungsklischees zu behelfen. (Oder als Fazit Hamlet falsch zu zitieren: Die Welt ist aus den Fugen.)

Ist es politische Unbeholfenheit, ist es mangelndes Sprachgedächtnis, ein und dasselbe Volk, sofern es sich richtig verhält, demos, wenn aber nicht, dann abschätzig populus zu rufen?

Es erweist sich wohl als Illusion, dass dem "neuen Menschen", dem Vernetzten, ein entwickelteres Sensorium entstünde für dicht verwobene Hintergründe, Beziehungen und Zusammenhänge, die jemandem, der sinnlich gleichsam auf "analoger" Stufe zurückblieb, niemals zugänglich wären. Im Gegenteil: Von gesteigerter Empfänglichkeit, unruhigem Vorausgefühl in Zeiten des Umbruchs ist wenig zu spüren. Auch das hohe Erwarten ist aus der Schar verschwunden. Der menschliche Instinktersatz, das einst hoch entwickelte Wittern wird von der nüchternen Präzisionspflicht, welche die Technik auferlegt, einerseits und andererseits von ideologischen Gaukeleien bedrängt und eingeschränkt. Es ist so gut wie abgestorben. Man widmet sich mit jeweils kurzsichtigem Eifer den "zeitnahen" Umwälzungen. Zudem findet sich jedermann in jedem Augenblick seines Lebens in Gesellschaft, übt sich in unmissverständlicher Verständigung. Nichts trennt den konsensitiven schärfer vom sensiblen Menschen als seine geschäftige Ahnungslosigkeit.