Er war 18 Jahre lang die Stimme der dörflichen Welt. Nun legt der 65-jährige Salzburger Helmut Mödlhammer seine Funktion als Vorsitzender des Gemeindebundes zurück. Als er zu Beginn der Woche Rückschau hielt, fiel sein Resümee nicht allzu rosig aus. Abseits der belebten Tourismuszonen verödet der ländliche Raum zunehmend.

Gleich ob im niederösterreichischen Waldviertel oder im Tiroler Oberland, ob in Oberkärnten, der steirischen Mur-Mürz-Furche oder dem südlichen Burgenland, überall die gleiche Entwicklung. Nach und nach machen Postämter, Dorfschulen und Polizeidienststellen dicht, schließen kleine Geschäfte, Bäcker und Fleischhauer ihre Läden, stellen Arztpraxen ihren Betrieb ein, löscht das Wirtshaus für immer das Licht und sperren Sparkassen zu. In manchen Orten müssen die Gemeinden den Betrieb von Bankomaten subventionieren, damit noch ein Minimum an Versorgung gewährleistet ist. Wenn dann auch noch die lokale Tankstelle ihren Betrieb einstellt, klagte Mödlhammer, verliere die kleine Gemeinschaft ihren letzten sozialen Treffpunkt, an dem noch Kommunikation stattfindet. Mit dem Verlust ihrer Infrastruktur wandert die Bevölkerung ab und sucht sich in urbanen Zonen ein neues Zuhause.

Seit über drei Jahrzehnten schreitet diese schleichende Auszehrung voran, ohne dass etwas Nennenswertes dagegen unternommen wird. "Wir müssen jetzt etwas unternehmen, damit dieser Erosion Einhalt geboten wird", sagt Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter. Zwar hatte sich die Koalition bereits vor vier Jahren in ihrem Regierungsprogramm auf einen Masterplan für den ländlichen Raum geeinigt, doch das Aktionsprogramm sei "elternlos" geblieben. Bei den Verhandlungen zu einem neuerlichen Regierungsabkommen ergriff der tatendurstige Tiroler die Initiative. Sein Ressort soll künftig der Motor einer gezielten Strategie sein, die dem Lebensraum abseits der Städte neue Attraktivität verleihen soll. Wenn Rupprechter am Österreichischen Gemeindetag im Messezentrum Salzburg seinen detaillierten Maßnahmenkatalog vorstellen wird, möchte auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen seine Unterstützung zusagen. Das Staatsoberhaupt kennt das Problem aus eigener Anschauung. Seine Tiroler Heimatgemeinde Kaunertal täuscht zwar dank der pittoresken Landschaft ein alpines Idyll vor, leidet aber unter der gleichen Entwicklung wie viele andere Dörfer in der Provinz: Die Jungen und gut Ausgebildeten ziehen fort, die Bevölkerung wird immer älter. Der Abwanderungsdruck, so errechnete eine Studie des Innsbrucker Instituts für Föderalismus, werde bis 2030 in Kaunertal und vergleichbaren Gemeinden zehn Prozent der Bevölkerung erfassen.

Zu einem guten Teil ist auch der hohe Grad der Zentralisierung von Behörden und Verwaltungseinrichtungen dafür verantwortlich, dass der ländliche Raum immer weiter abgehängt wird. Während etwa im Nachbarland Deutschland – auch aufgrund einer unterschiedlichen Entwicklung – ein Viertel der zentralen Behörden außerhalb von Berlin angesiedelt ist (etwa der Bundesgerichtshof in Karlsruhe oder das Bundeskriminalamt in Wiesbaden), ballt sich im Wasserkopf Wien nahezu die gesamte Bundesverwaltung zusammen. Lediglich 4 von 68 nachgeordneten Dienststellen der Ministerien befinden sich nicht in der Hauptstadt.

An diesem Punkt will Rupprechter mit einer Dezentralisierungsinitiative ansetzen. Zur Präsentation des Vorhabens reiste der Minister vergangene Woche nach München, weil Bayern in gewisser Weise für den österreichischen Plan Modell stand. Vor zwei Jahren ließ Markus Söder, der neben dem Finanzministerium auch einem Heimatressort vorsteht, ein Verteilungsschema austüfteln, nach dem in den nächsten zehn Jahren zahlreiche bestehende sowie neu geschaffene Institutionen über den ganzen Freistaat verstreut werden sollen. Es ist eine Strategie der kleinen Schritte. Rund 2.300 Verwaltungsbedienstete sollen in kleinen Einheiten verteilt werden. Da werden etwa die zehn Mitarbeiter der Schlösserverwaltung nach Garmisch-Partenkirchen versetzt, oder die 25 Betreuer des Servicezentrums BayernServer müssen sich im fränkischen Neustadt an der Aisch niederlassen, das den Komponisten des Bayerischen Defiliermarsches hervorgebracht hat. Söders sogenannte Heimatstrategie zielt darauf ab, die bayerische Bürokratie zu dekonstruieren.