Dass ausgerechnet eine Gefahrenwarnung Sabine Dittmann einmal froh machen würde – das hätte die Kita-Leiterin noch vor ein paar Tagen nicht für möglich gehalten. Dann bekam sie am Wochenende eine Nachricht aufs Handy, eine amtliche Warnung: Die Menschen in Forst, Brandenburg, sollten Fenster und Türen geschlossen halten. Um sich vor Rauch zu schützen, der aus Polen über Forst und die Nachbargemeinden zieht. "Als ich diese Nachricht erhielt", sagt Dittmann, "war ich richtig glücklich. Weil ich dachte, dass sich jetzt endlich was bewegt, nach all der Zeit." Auch wenn ihr klar sei, "dass das hier noch nicht vorbei ist. Noch lange nicht."

"Das hier": Damit meint sie den Umstand, dass viele Menschen in Forst sich seit Wochen über einen beißenden Geruch in der Luft beklagen. Seit Mitte Februar brennt einige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Grenze, im polnischen Brożek, eine Mülldeponie voller Plastikabfälle. Stinkende Qualmwolken ziehen, je nach Windrichtung, regelmäßig über Forst hinweg. Seitdem herrscht in dem Kindergarten, den Sabine Dittmann leitet, permanent Gefahrenwarnstufe. "Wir können die Kinder seit Wochen nicht oder nur kurz draußen spielen lassen", sagt Dittmann. Denn ebenso schlimm wie der beißende Qualm, der bei den Kindern Übelkeit verursache, sei die Angst: Wer wisse schon, was da in der Luft liege? "Mir kann niemand erzählen, dass das nicht gesundheitsgefährdend ist, erst recht auf Dauer", sagt Dittmann. 17 Kinder betreue sie in ihrer Kita – und alle 17 seien inzwischen krank. "Die haben alle Atemwegserkrankungen; Husten mit schlimmem Auswurf. Viele haben auch Bindehautentzündungen. Und ein kleines Mädchen liegt mit Lungenentzündung in Cottbus im Krankenhaus." Die Eltern seien massiv verunsichert – ein Vater habe die Kinder mit kleinen Atemschutzmasken ausgestattet, die sie draußen tragen.

Was die Wut in Forst entfacht, ist vor allem der Umstand, dass sich nichts tut. Dass das Feuer weiterlodert, die Deponie nicht gelöscht wird. Erst vor zwei Wochen haben deutsche Behörden überhaupt angefangen, sich mit dem Fall zu befassen – auch auf massiven Druck der Bürger hin. Zweimal wöchentlich treffen sich Demonstranten vor der Stadtkirche St. Nikolai, haben Tausende Unterschriften gesammelt, mit denen sie ihren Landrat auffordern, eine Lösung zu finden. Der hat sich bei den Treffen nicht sehen lassen, ebenso wenig wie ein Vertreter des krankgeschriebenen Forster Bürgermeisters.

Die Bürger wollen Aufklärung. Warum brennt die Deponie? Warum löschen die Polen nicht? Und welche Abfälle brennen dort überhaupt; mit welchen Auswirkungen auf die Gesundheit?

Tatsächlich ist, rein formal, für den Katastrophenschutz in Forst Landrat Harald Altekrüger (CDU) zuständig. Der ist für die ZEIT nicht erreichbar: Das Landratsamt verweist auf seine Webseite; dort fänden sich alle Informationen. Eine Liste mit Fragen rund um den Brand bleibt ebenso unbeantwortet wie mehrere Interviewanfragen. Die angesprochene Webseite indes zeugt eher von Ratlosigkeit: So kann man dort nachlesen, dass es verschiedene Hilfsangebote an die polnische Seite gegeben hat. Zwar habe man sich mit dem Landrat Janusz Dudojć des benachbarten polnischen Kreises Żary, in dem die Deponie liegt, ausgetauscht – und darauf verständigt, dass der Brand mit Erdmaterialien abgedeckt werden solle. Zudem habe Landrat Dudojć zunächst schriftlich um technische Hilfe in Form von Maschinen und Gerät gebeten. Doch weil die polnische Seite einen Tag später erklärte, dass sie doch keine Hilfe in Anspruch nehmen wolle, bleibe der Deponiebrand "Aufgabe der polnischen Verantwortlichen". Die Behörden in Polen, so hört man, streiten wiederum darüber, wer von ihnen überhaupt zuständig ist.

Was die Forster erst recht zornig macht: Wie kann es sein, dass der gute Austausch zwischen Polen und Deutschland in Brandenburg sonst immer gelobt und gepriesen wird – nun, im Krisenfall, aber so gar nicht funktioniert?

Eine Reise nach Polen, tief in den Wald bei Brożek; erst mit der Hilfe von Einheimischen finden wir die Deponie. Das Bild, das sich jedem bietet, der sich in ihre Nähe wagt, ist verstörend. Auf einem riesigen Gelände schlagen Flammen aus Müllbergen, über allem steht dichter Rauch, dazwischen ein Bagger, der offenbar Feuer gefangen hat. Jan Nowack, der in der Nähe lebt und eigentlich anders heißt, sagt, er habe selbst auf der Deponie gearbeitet. Und was er behauptet, klingt beunruhigend. "Firmen aus Polen, Deutschland, Tschechien und der Slowakei haben dort Müll abgeladen", sagt Nowack, "Asbest und Fässer mit Chemikalien. Das wurde dort alles hingekippt und abgebrannt, um Platz zu schaffen." Sein Vorwurf ist brisant: Lässt man die Deponie gar absichtlich weiterbrennen?