Es sind Bilder, die einen anfallen. Man geht zu einer Ausstellung von Maria Lassnig und weiß, es wird nicht nett. Dann steht man in einem Saal des Museums Folkwang vor diesen riesigen Tableaus, den fast aggressiv weiß gelassenen Flächen, darauf die überlebensgroßen Körper, die sich qualvoll winden. Man blickt in augenlose Gesichter, die ins Tierhafte mutieren, etwa zur Schnute eines Hundes, oder von klobigen Maschinen eingezwängt werden.

Die Farben: giftiges Grün, darauf das Rot, ein grelles Gelb, kontrastiert mit mehr Türkis, als ein David Hockney in einem Swimmingpool zusammenhalten könnte – kann man Haut so malen? Dass sie als Haut erkennbar ist? Und wie geschunden wirkt? Ist es möglich, in diesen aufgewühlten Gebärden doch Spuren von Komik zu entdecken? Ja, hier ist es möglich, in diesem drastischen, widersprüchlichen Werk!

"Alle Leute hier sind in dicke, abgesteckte Daunendecken eingenäht, da drin hören sie nicht, wie die Welt beschaffen ist, wie sie heult vor Schmerz, Kälte und Hunger, blind vor Wut. Ich habe aber keine Haut. Alle Nerven liegen bloß (...), an manchen Stellen gibt es tief im Körper Nervenhöhlen, Nistplätze für Vögel mit langen Schnäbeln", heißt es in einem Tagebucheintrag Lassnigs von 2008. "Alles geht mir so geschwind an die Herzfasern", sagte sie einmal.

Sie begann als Kind zu malen und blieb bis zu ihrem 60. Lebensjahr so gut wie ohne Anerkennung. Lassnigs Leben, das im Alter von 95 Jahren in Wien endete, erweist sich in einer neuen Biografie der Wiener Kunstwissenschaftlerin Natalie Lettner als so krass wie ihr Werk. Geboren in Kärnten 1919 als uneheliche Tochter, die von der Mutter zur Großmutter abgegeben wird. Lassnig wächst auf ohne viele Worte oder Berührung und ohne andere Bilder vor Augen zu haben als die der Natur um sie herum. Ein liebeshungriges, einsames Kind.

Es scheint, dass die ersten Eindrücke dieses Lebens unverwischbare Spuren legen – die Sehnsucht nach dieser Natur sowie die unausrottbare, sich furchtbar wiederholende Erfahrung von Zurückstoßung. Die Furcht davor, nicht geschätzt zu werden. Selbst als Lassnig 1980 eine Professur in Wien bekommt, erste große Retrospektiven in New York, Hamburg und London gezeigt werden, sie sogar den Großen Österreichischen Staatspreis bekommt, den Goldenen Löwen der Biennale, bleiben quälende Fragen im Raum. Was der Baselitz wohl von ihr hält? Der Lucien Freud? Der Richter?

Man sieht in Essen 41 Bilder. Das erste Selbstporträt von 1945 zeigt schon die suchenden Augen in einem verdunkelten Gesicht. Der Pinsel hat mit entschiedenen Strichen den nackten Oberkörper skizziert. Kleine Brüste, die Arme, der Unterkörper verlieren sich. Um den Hals sitzt fest eine Kette aus orangeroten Kugeln, vielleicht eine Hommage an die große Vorgängerin Paula Modersohn-Becker, der die Kunstgeschichte das erste nackte Frauenselbstbildnis verdankt, eine Sensation aus dem Jahre 1906.

In der Kunstgeschichte war weibliche Nacktheit lange eine erotische Männerfantasie. Das Unverständnis, mit dem sich Lassnig herumschlägt, hat womöglich damit zu tun, wie rückhaltlos sie die Deutungshoheit über den weiblichen Körper an sich riss. Sie malte Körper aus einer Gefühlslage heraus, die exklusiv nur bei einer Frau zu haben ist, als ein von innen nach außen gestülptes Empfinden. Malrezept: "der rhythmus des malens soll sein wie atemstöße, wenn uns das leben würgt."