Markus Weinzierl: Was hat Ihre Chefredaktion Ihnen diesmal mit auf den Weg gegeben?

DIE ZEIT: Wie kommen Sie denn darauf, dass sie mir etwas mitgegeben haben könnte?

Weinzierl: Beim letzten Mal glaubten sie, ich würde auf Schalke bald entlassen.

ZEIT: Sie haben ein gutes Gedächtnis.

Weinzierl: Sagen wir mal so: Ich habe eine gute Erinnerung an diese unschöne Zeit.

ZEIT: Mit den Nachwirkungen des missglückten Starts müssen Sie noch heute kämpfen. Haben Sie sich manchmal wie Felix Krull gefühlt, als Hochstapler, der besser im kleinen Augsburg geblieben wäre, als diesen übermütigen Riesen Schalke 04 steuern zu wollen?

Weinzierl: Wenn ich ein Hochstapler wäre, dann hätte ich bestimmt nicht so lange darüber nachgedacht, ob ich zu Schalke wechseln soll oder nicht.

ZEIT: Vereinspräsident Clemens Tönnies wollte Sie bereits ein Jahr zuvor einstellen, kam extra zu Ihnen nach Bayern, um Sie zu überzeugen.

Weinzierl: Ja, das hat mir imponiert. Ich habe mich weder überschätzt, noch wurde ich von Angstattacken überfallen. Es war doch für jeden klar zu erkennen, warum unser Start so stotternd war.

ZEIT: Warum lief es nicht rund?

Weinzierl: Der Hauptgrund war der späte Abschied Leroy Sanés zu Manchester City.

ZEIT: Der offensive Mittelfeldspieler wurde Ende August vergangenen Jahres für rund 50 Millionen Euro verkauft, es heißt, das sei der teuerste Verkauf eines deutschen Spielers ins Ausland in der Geschichte der Bundesliga gewesen. Also war es ein gutes Geschäft.

Weinzierl: Aber Sie werden verstehen, dass die Höhe der Ablöse für mich als Trainer nicht die größte Priorität hat. Wir haben einen sehr wichtigen Spieler verloren. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir die Vorbereitung schon fast abgeschlossen hatten.

ZEIT: Kann der Weggang eines 21-Jährigen einen solchen Systemausfall zur Folge haben?

Weinzierl: Nein, natürlich nicht. Es kommt auf den Zeitpunkt des Abschieds an. Mit genügend Vorlauf wäre die Möglichkeit größer gewesen, Leroys offensive Qualität gleichwertig zu ersetzen.

ZEIT: So trafen erst nach dem ersten Saisonspiel, der Niederlage in Frankfurt, neue Spieler ein. Der Verkauf Sanés hatte die Leihgeschäfte und Verpflichtungen erst finanziell ermöglicht. Ihre Mannschaft wurde mit dem Spanier Coke, dem Algerier Nabil Bentaleb, dem Franzosen Benjamin Stambouli und dem Ukrainer Eugen Konoplyanka verstärkt.

Weinzierl: Das sind alles talentierte Fußballer, aber keine Übermenschen. Spieler aus ausländischen Ligen müssen sich an die neue Umgebung gewöhnen. Sie müssen ein Gefühl für die Stärke der Zweikämpfe entwickeln, die Geschwindigkeit des Spiels, das Verhalten der Schiedsrichter. Simple, aber grundlegende Dinge. Wir mussten lernen, uns zu verständigen, zu verstehen und uns zu vertrauen.

ZEIT: In Zeiten, in denen scheinbar nichts gelingt, in denen Sie verlieren: Gehen Sie da nach Hause, trinken noch ein Glas Wein, legen sich ins Bett und schlafen bis zum nächsten Morgen durch?

Weinzierl: Genau so.

ZEIT: Ach, kommen Sie, die Zeiten, in denen sich eine Führungskraft als Superhero darstellen muss, um respektiert zu werden, die sind doch selbst im Fußball vorbei.

Weinzierl: Glauben Sie das?

ZEIT: Können Sie schlafen?

Weinzierl: Nein, das schaffe ich nicht. Ich bin schlaflos nach dem Spiel, nach solchen emotionalen Achterbahnfahrten kann ich kaum einschlafen, vor allem nach Abendspielen ist da noch so viel Adrenalin in mir.

ZEIT: Wenn Sie im Bett liegen und grübeln, 600 Kilometer von Ihrer Frau und Ihren Kindern entfernt, worüber denken Sie dann nach?

Weinzierl: Ich versuche mir im Kopf zurechtzulegen, was da auf dem Platz passiert ist. Ich muss das schnell verarbeiten, eine Haltung entwickeln, mit der ich den Spielern am nächsten Tag begegne. Genau das macht den Job eines Trainers so groß, mit dieser Dauerbelastung leben zu können, sie nicht nur psychisch, sondern auch physisch durchzustehen. Ich kann es mir nicht leisten, krank zu werden.

ZEIT: Sie denken also 24 Stunden lang an Fußball, von August bis Ende Mai, gehen nicht mal ins Theater oder in die Kirche?

Weinzierl: Sehr selten, weil mich als Schalke-Trainer im Ruhrgebiet doch sehr viele kennen. So schön die Zuneigung der Fans auch ist, dabei könnte ich nicht entspannen. Der Job eines Bundesligatrainers ist nicht auf Dauer angelegt. Er muss in einem begrenzten Zeitraum so schnell wie möglich so effektiv wie möglich sein. Niemand wird, das zeigt die Vergangenheit, zehn Jahre lang Schalke-Trainer sein.

ZEIT: Zu welcher Ansicht kamen Sie in diesen ersten schlaflosen Nächten der Saison?

Weinzierl: Einsicht trifft es eher, nämlich von der Viererkette auf eine Dreierkette umzustellen.

ZEIT: Darüber haben Sie in diesen Stunden wirklich nachgedacht?

Weinzierl: Entscheidend ist vor allem, zu wissen, wie man spielen will, wofür man steht. Ich lasse das Spiel lieber von meiner Mannschaft gestalten, als defensiv und passiv zu sein. Wenn ein Team mit dem aktuellen Potenzial Schalkes mit einer Viererkette spielt, dann hat es mehr Angriffspotenzial, weil die Außenpositionen doppelt besetzt sind. So haben wir dann auch in der Vorbereitung trainiert. Sie müssen die Formation nach den Befindlichkeiten und Stärken des Kaders richten.

ZEIT: Pep Guardiola betont, die Grundformation spiele eher eine untergeordnete Rolle. In seiner Auftaktpressekonferenz bei den Bayern sagte er: "Das System ist egal." Aus einem 3-5-2 machte er zum Beispiel in einer Champions-League-Partie gegen Turin bei Ballbesitz der Bayern schnell ein 5-4-1. Die nominellen Außenbahnen im Mittelfeld unterstützten die Dreierkette, und so wurde das Spiel stabilisiert.

Weinzierl: Klar, während des Spiels von einer Formation in die andere zu wechseln, das ist die Königsdisziplin. Wir sind aber nicht Bayern München. Wenn Schalke die Souveränität hat, in verschiedenen Formationen zu bestehen, dann werde ich auch hin- und herwechseln.