Noch einen Monat bis zum Matheabitur. Was für Generationen von Schülern eine harte Prüfung war, wird für die 3600 Schüler aus Hamburg voraussichtlich die härteste Prüfung werden. Noch nie mussten Abiturienten schon vor den Klausuren so viele negative Schlagzeilen über sich lesen. Noch nie wurde eine einzige Klausur mit so einer großen Frage aufgeladen: Wie schlecht sind die Hamburger Schüler in Mathe?

In der Bürgerschaft wird darüber diskutiert, an der Universität, in den Schulen und in überregionalen Medien – seit im Dezember das Probeabitur in Mathe so mies ausgefallen ist wie nie zuvor. Nicht einmal jeder Zweite bestand die Klausur. Notendurchschnitt: 4,1. Die Schulbehörde ordnete an, die Klausuren besser zu bewerten, Zusatzunterricht soll die Schüler noch fit machen, eine Art Notfall-Nachhilfe für alle. Bei vielen Abiturienten ist seither das beherrschende Gefühl: Angst. Erstmals müssen sie in diesem Jahr Aufgaben lösen, die auch Prüfer aus anderen Bundesländern ausreichend schwer finden.

Der Mann, der diese Entwicklung verantwortet, ist Schulsenator Ties Rabe. Er sagt: "Es macht keinen Sinn, wenn wir uns hier wegmogeln." Er will das Hamburger Abitur an die bundesweiten Standards heranführen. Und er sieht sich selbst als den Politiker, der das Hamburger Matheproblem endlich konsequent angeht.

Wenn hingegen Mathematiker, Didaktiker, Lehrer, Schüler und Eltern über das Matheabitur sprechen, hört man oft eine andere Geschichte: Sie handelt von einem überambitionierten Senator, einer überforderten Behörde und von viel Frust an den Schulen. Es ist die Geschichte eines Debakels, das sich lange abgezeichnet hat.

Traditionell sind Hamburger Schüler schlecht in Mathe. "Es gibt seit 50 Jahren in Studien festgestellte große Unterschiede zwischen den nördlichen und südlichen Bundesländern bei der Matheleistung", sagt Gabriele Kaiser, Professorin für Mathematikdidaktik an der Universität Hamburg. In der jüngsten Vergleichsstudie aus dem Jahr 2012 erreichte jeder vierte Neuntklässler nicht das Mindestniveau für den Realschulabschluss. Etwa ein halbes Schuljahr lagen die Hamburger damals hinter dem deutschen Durchschnittsschüler zurück, der Abstand zum Top-Land Sachsen betrug fast zwei Jahre.

Kaiser sagt, man dürfe diese Vergleiche nicht überschätzen: Die Bundesländer seien unterschiedlich, schon historisch habe Bildung in Hamburg einen geringeren Stellenwert gehabt als in Bayern oder Baden-Württemberg. Außerdem sei die Schülerschaft hier herausfordernder, weil es mehr Familien mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Milieus gebe. Dennoch hat sich im kollektiven Gedächtnis eine Erkenntnis festgesetzt: In bayerischen Schulen lernen Kinder viel, in Hamburger Schulen wenig. Das bayerische Abi ist schwer, das Hamburger Abi leicht.

Die Kultusminister hatten von dieser Erzählung die Nase voll. Vor fünf Jahren beschlossen sie, das Niveau im Abitur anzugleichen. Der Vorsitzende der Kommission: Ties Rabe.

Die oft verwendete Bezeichnung Zentralabitur ist allerdings irreführend, denn die Schüler müssen auch künftig nicht überall dieselben Aufgaben lösen. Die Bundesländer entwickeln ihre Aufgaben weiterhin selbst, sie werden lediglich am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin von Didaktikern und Experten aus allen Bundesländern geprüft. Wenn sie den Ansprüchen genügen, werden sie in die gemeinsame Aufgabensammlung aufgenommen. 53 Matheaufgaben enthält dieser sogenannte Aufgaben-Pool in diesem Jahr, aus dem sich die Länder frei bedienen können. Die Betonung liegt auf "können". Die meisten Bundesländer werden nur eine einzige Aufgabe aus der Sammlung nehmen. Möglicherweise eine, die sie zuvor selbst eingereicht haben. Die übrigen Fragen erstellen sie weiterhin selbst.