Frauen haben sich ihren Raum in Universitäten und Akademien zäh erobert. Und zwar gemeinsam, füreinander. Die Herren Professoren haben ihnen nichts geschenkt von ihrem Teil der Macht. Und sie werden das auch in Zukunft nicht tun. Deswegen überrollt mich gelegentlich die Wut. Darüber, dass die Frauen so zurückhaltend sind. Jedes Nicht-Erscheinen einer Wissenschaftlerin in der Öffentlichkeit füttert die Genugtuung derjenigen, die bekennen, sich um die Frauen ja bemüht zu haben. Na, dann halt nicht, liebe Damen, feixen sie: Bewährungsprobe nicht bestanden.

"Was der Frau heute im Wesentlichen fehlt, um große Dinge zu tun, ist Selbstvergessenheit. Um sich aber selbst zu vergessen, muss man erst einmal ganz sicher sein, dass man sich selbst gefunden hat."

"Interessanter Befund", sagt Sarah Speck. Sie ist Soziologin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt und arbeitet über die soziale Ungleichheit der Milieus und Geschlechter. Sie ist mir auf Konferenzen aufgefallen, als souveräne Denkerin. "Ich kenne dieses Zögern, wenn eine Medienanfrage kommt, von mir selbst", sagt sie. Die Öffentlichkeit spiele diese Zurückhaltung aber auch an die Frauen zurück, in vergiftetem Wohlmeinen. Joviale Kommentare von Journalisten und anzügliche Bemerkungen männlicher Kollegen hat sie selbst erlebt. "Solche Gesten stellen die Legitimität und Selbstverständlichkeit, in der Öffentlichkeit zu sprechen, infrage."

In ihrem Essay Women in Power schreibt die britische Historikerin Mary Beard, unsere Vorstellung von einer einflussreichen Person sei immer noch genuin männlich: "Wenn wir unsere Augen schließen und das Bild eines Präsidenten oder Professors beschwören, dann sehen die meisten von uns keine Frau vor sich." Auch die Frauen nicht. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien, die das belegen: Wissenschaftlerinnen werden für inkompetenter gehalten, ihre Arbeiten gelten als weniger zitierwürdig. Von unconscious bias ist dann die Rede, unbewussten Vorurteilen. Sie durchziehen schon die Kindergärten und Schulen, die den stillen Fleiß der Mädchen belohnen, und sie kleben wie Pech an den Professorinnen von heute.

Quelle: Statistisches Bundesamt © ZEIT-Grafik

Unsere durch Stereotype deformierte Wissenschaftsgeschichte legt ihnen bis heute nahe, sich einzugliedern in einen Betrieb, der davon zehrt, die akademische Arbeitslast zugunsten der Männer zu verteilen. Die Männer haben 78 Prozent der gut ausgestatteten W3-Lehrstühle inne. Hinter den meisten Professoren, die Freitag Abend auf einem Podium sitzen und am Wochenende nebenbei einen Essay für die Zeitung schreiben, steht ein Stab an Sekretärinnen, Hilfskräften und, auch das, Ehefrauen. Das berstende Selbstbewusstsein, mit dem sich die Studenten, Doktoranden, Professoren und Rektoren in mein journalistisches Sichtfeld rücken, zeugt von Strukturen, die den immer gleichen Akademikerhabitus protegieren und Universitäten zu Bollwerken der Männlichkeit machen.

Die Forderung an Frauen, sich bitte schön selbst zum Sprengkörper dieses verkrusteten Wissenschaftsbetriebs zu machen, sei ambivalent, sagt Speck. "Das erhöht den Druck auf die Individuen." In einer verfahrenen Situation aber helfe nur die Flucht nach vorn. Sie findet: Die Figur des öffentlichen Gelehrten nach eigenem Bild zu formen sei auch eine Frage der Übung und Entschlossenheit. Motto: Einfach mal machen. Ausprobieren, scheitern, ausprobieren, Applaus bekommen.

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."

Eine Professorin, erzählt Sarah Speck, habe ihr einen Satz mitgegeben, der sie bis heute begleite: "Deine Haltung muss sein: Klar werde ich Professorin!" Nicht alle haben das Glück, als Studentin auf so jemanden zu treffen. Eine visionäre Forscherin und streitbare Intellektuelle ist man nicht einfach so. Man schaut sich ab, wie das geht, und beschließt, eine zu sein. Bühne frei.

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