Am Horizont: der Atlantik. Oder doch nicht? Wer vom Gipfel des Brandbergs, Namibias höchstem Punkt, nach Westen blickt, hinweg über die Wüste, der wähnt in der Ferne den Ozean. Ein breiter Streifen Meer hinter diesem sandigen Ödland namens Namib – so sieht es zumindest aus. Allerdings täuscht der Anblick. Die vermeintliche Wasserfläche ist zwar aus Wasser, doch das Nass liegt nicht in hundert Kilometern Entfernung jenseits der Wüste. Es schwebt als Decke über ihr. In den Morgenstunden füllen sich ihre Dünentäler mit suppigem Nebel.

Regen fällt dagegen fast nie, die Trockenzeiten dauern mitunter Jahrzehnte. Denn eine Meeresströmung, der kalte Benguelastrom aus der Antarktis, verhindert an der Südwestseite Afrikas die Bildung von Regenwolken. Dafür ist das Wasser einfach zu kalt. Die Küstenwüste am Rand des Atlantiks, 2.000 Kilometer lang und bis zu 160 Kilometer ins Landesinnere reichend, zählt zu den trockensten Flächen der Erde.

Umso wichtiger sind die regelmäßigen Nebelschwaden. Sie stellen in dieser Gegend die bedeutendste Wasserzufuhr dar. Pflanzen und Tiere der Namib laben sich fast ausschließlich am Nebel und morgens am frischen Tau. Bekannt geworden sind vor allem zwei bizarre Überlebenskünstler dieser Wüste: Aufseiten der Pflanzen sind es die bis zu 2.000 Jahre alten Welwitschien mit ihren je zwei ultralangen, ausfransenden, schlapp-lederigen Blättern. Bei den Tieren fällt der Nebeltrinker-Käfer durch kurioses Verhalten auf: Am frühen Morgen stellt er sich auf den Dünenkämmen in den Kopfstand und fängt mit seinem Hintern die winzigen Wassertröpfchen ein.

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Woher die Feuchte in Tau und Nebel stammt, schien bislang klar zu sein. Vom Meer gesättigte Luft, so steht es zumindest in den Lehrbüchern, kondensiere in der Nacht auf dem Weg ins Landesinnere. Doch nun hat der Ökohydrologe Lixin Wang von der Purdue University in Indianapolis mit seinen Kollegen die Tröpfchen genauer analysiert. In Nebel- und Tauproben haben die Forscher den Gehalt verschiedener Sauerstoff-Isotope bestimmt und ihn mit deren Konzentration im Meer, im Grundwasser oder im selten gefüllten Flussbett des Kuiseb verglichen. Anhand der unterschiedlichen Konzentrationen der Isotope konnten sie das Nass in den Schwaden ihren ursprünglichen Quellen zuordnen.

Nicht der Ozean, stellte sich heraus, liefert die Hauptwassermenge für den Nebel der Namib. Die Wüste selbst tut es. Gerade mal knapp 40 Prozent sind maritimen Ursprungs. Der große Rest stammt aus dem vermeintlich trockenen Boden. Die spärliche Vegetation fördert Feuchtigkeit aus tiefen Schichten empor: Grundwasser und versickertes Regenwasser. Es verdunstet tagsüber aus den oberen Bodenschichten in die Atmosphäre. Nachts, wenn die Lufttemperatur um 50 Grad Celsius fällt, kondensiert es zu Nebel. Dies geschieht vor allem in Senken und entlang von ausgetrockneten Flussbetten.

Die hydrologischen Zyklen von Trockengebieten sind bislang nur wenig untersucht worden. Das ausgeklügelte Recyclingsystem der Namib-Wüste sorgt dafür, dass die Nässe langfristig erhalten bleibt. Doch die Forscher haben auch festgestellt, dass sich die Verhältnisse ändern. Die Erwärmung des Klimas sorgt schon jetzt für höhere Bodentemperaturen. Die Folge sei, schreibt Wang in der Fachzeitschrift Science Advances, dass die relative Luftfeuchtigkeit um bis zu 20 Prozent abnehme. Hinzu kommt, dass über wärmerem Boden Wasser schlechter zu Nebel kondensiert und sich weniger Tau bildet. Bereits jetzt schrumpft das Gebiet, in dem die Namib-Wüste sich selber befeuchtet. Früher löste sich der Küstennebel spätestens 60 Kilometer tief im Landesinnern auf. "Heute passiert das schon deutlich vor dieser Grenze", sagt Wang. Das "Ende der Nebelzone" verschiebe sich langsam zum Meer hin.

Versiegt die einzige zuverlässige Wasserquelle, kommen auf die hoch spezialisierte Fauna und Flora der Namib-Wüste schwere Zeiten zu. Der kopfstehende Nebeltrinker ist tief im Landesinneren selten geworden. Es geht aber bei der Wasserfahndung in trockenen Zonen längst nicht mehr nur um ein paar Käfer, sondern auch um die Vorratssicherung für den Menschen: "Zu wissen, wo genau Nebel und Tau herkommen, wird uns helfen, die Verfügbarkeit von Nicht-Niederschlagswasser in der Zukunft vorauszusagen – in der Namib und anderswo", sagt Wang. Das Wissen soll helfen, neue Quellen anzuzapfen, wenn Wasserknappheit zur existenziellen Bedrohung wird.

Die Namib, Unesco-Welterbe seit 2013, gilt als älteste Wüste überhaupt. Sie ist vor 80 Millionen Jahren entstanden – die Evolution konnte hier in einem sehr langen Zeitraum sehr spezielle Lebensformen hervorbringen. Das Spitzmaulnashorn hat hier extradicke Füße, um nicht im Sand zu versinken. Der Spießbock, Wappentier Namibias, zählt mit einer Körpertemperatur von oft über 40 Grad Celsius zu den heißblütigsten Säugetieren der Welt. Trotzdem kommt er ohne Trinken aus, feste Nahrung ist seine einzige Feuchtigkeitsquelle. Noch ist die biologische Vielfalt in dieser lebensfeindlichen Landschaft riesig. Bricht allerdings die komplizierte Wasserversorgung zusammen, droht die Wüste ihrem Namen doch noch alle Ehre zu machen. Namib heißt übersetzt "wo nichts ist".

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