Verehrter Doktor Lammert, hochgeschätzter Präsident unseres Bundestages, vertrauter Zeitgenosse! Will sagen: lieber Norbert!

Der Namensgeber des Preises, Erik Blumenfeld, gründete den Anglo-German Club in Hamburg und baute die Organisation "Transatlantik Brücke" in die USA, kurz gesagt, aus hochhumanen Motiven: Es ging um gute Geschäfte. Blumenfeld stand für genuin hanseatische Freihandelsinteressen, denn die erweisen sich seit je als die solideste Lebensbasis, nach außen für Frieden unter den Völkern, zugleich nach innen für stabile bürgerliche Freiheiten.

Mich freilich bewegen mehr noch unsere schicksalsbeladenen Beziehungen zu Israel, die er ebenfalls beförderte. Blumenfeld galt, wie auch ich, nach den NS-Rassenwahngesetzen als "Halbjude", als ein "Mischling ersten Grades". Ich war sechseinhalb Jahre alt, als die Bomben der Alliierten 1943 vom Himmel auf Hamburg fielen. Sie sollten uns befreien und bedrohten zugleich auch unser Leben. Meine Mutter Emma in Hammerbrook war froh und verzweifelt über die Bombenangriffe und rettete mich – mit wahnsinnig hin- und hergerissenen Gefühlen – aus dem Feuerinferno der Operation Gomorrha.

Norbert Lammert hat den Populismus diagnostiziert wie ein erfahrener Arzt

Blumenfeld wurde nach Auschwitz deportiert – 1943 –, genau wie mein Vater, der als Widerstandskämpfer seine sechs Jahre im Knast Bremen- Oslebshausen grad abgesessen hatte. Aber anders als der kommunistische Werftarbeiter Dagobert Biermann überlebte Blumenfeld die Höllen der Konzentrationslager. Im Wirrwarr der letzten Wochen des Tausendjährigen Reiches gelang ihm die Flucht aus der Zwangsarbeit, und es versteckte ihn ein Hamburger Rechtsanwalt, Gerd Bucerius, in seiner Villa im schönen Ottensen.

Nach der Befreiung stand dem Davongekommenen der Weg offen ins normale Leben. Blumenfeld wurde Reeder, wurde Vizepräses der Handelskammer Hamburg, wirkte als CDU-Politiker. Er unterstützte Adenauers Liaison mit Ben Gurion, übte also Solidarität mit dem jungen Staat Israel.

Im westlichen demokratischen Teil des zerrissenen Nachkriegsdeutschlands wurde Norbert Lammert 1948 in Bochum geboren. Der Katholik trat früh in die Junge Union ein, er ist seit 1966 Mitglied der CDU. Er studierte Jura, Politikwissenschaften, Soziologie und Neuere Geschichte. Dr. Lammert unterrichtet auch, er lehrt an Fachhochschulen und Universitäten. Aber seine eigentliche Leidenschaft ist offensichtlich der Rechtsstaat.

So wurde dieser Dr. Homo Politicus im Jahre 1980 Mitglied des Bundestages. Und 2005 wurde er mit dem besten Wahlergebnis bei einer Erstwahl, mit 93,1 Prozent der Stimmen, zum Bundestagspräsidenten gewählt. Was ’n Glück: Lammert erreichte also nicht die peinlich-panischen 100 Prozent des SPD-Kandidaten Martin Schulz und nicht die schäbigen 98,3 Prozent von Walter Ulbricht.

Wenn ein Politiker mit einer Medaille auch für die Aussöhnung mit dem Staat der Juden geehrt wird, bin ich mir nie sicher: Signalisiert solch ein Preis nun einen Dank für Verdienste im Kampf gegen antisemitische Tendenzen in unserem schwierigen Vaterland, oder bedeutet die Auszeichnung mehr eine inständige Bitte um Verständnis und Solidarität mit dem existenziell bedrohten Erez Israel? Norbert Lammerts Rede 2015 in der Knesset gefällt mir. Da redet kein CDU-Pappkamerad, sondern ein europäischer Patriot. Der Präsident unseres Parlaments lieferte kein diplomatisch ausgetüfteltes und staatsmännisch ausgewogenes Wiedergutmachungs-Blabla. Ihm gelang das Kunststück: eine würdige und trotzdem wahrhaftige Rede. Er redete mit den Juden "Tacheles", ohne verklemmte Scham-Phrasen, ohne verkappte Besserwissereien über die Lösung des Bruderkrieges zwischen Abrahams Söhnen Ismael und Isaak im 1. Buch Mose. Er gehört offensichtlich zu denen, die begriffen haben, dass es halt leider tiefe historische Konflikte gibt, die keine Lösung haben, sondern nur eine lange wechselvolle Geschichte: "Beide Gesellschaften, die deutsche wie die israelische, pflegen (...) eine politische Kultur, die den Streit zwischen unterschiedlichen Auffassungen und Interessen nicht scheut, sondern in ihm den Ausdruck einer pluralen, offenen Gesellschaft erkennt. Meinungsverschiedenheiten gibt es (...) nicht nur im Parlament, zwischen den politischen Lagern und Fraktionen, es gibt sie auch zwischen Parlamenten. Sie nicht nur auszuhalten, sondern zu benennen, sie offen und ehrlich miteinander auszutragen, gehört zum Wesen einer echten Partnerschaft. Kritik ist legitim, manchmal unverzichtbar, auch und gerade unter Freunden."

Auch unsere, auch die stabilste Demokratie ist immer wieder in Gefahr und eben nicht nur von außen bedroht. Die missbrauchten Freiheiten fressen die Freiheit von innen auf! Das berühmte Bonmot von Winston Churchill: "Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, aber gemessen an allen anderen ist sie die allerbeste." Diesen rhetorischen Witz habe ich erst spät im Westen ganz begriffen: Es sollte gar kein Witzchen sein. Der Aristokrat Churchill verabscheute die Demokratie tatsächlich! Er machte aus seinem aristokratischen Herzen keine Mördergrube. Er lobte die Demokratie nur aus tiefster Aversion gegen alle totalitären Gesellschaften. Dieser Meinung war auch der Baumeister des Britischen Empire, der stolze Diener seiner Majesty Queen Victoria, ihr Premierminister Benjamin Disraeli in Großbritannien. Der Jude Sir Disraeli, Kind von spanischen Emigranten aus Italien, wurde von der Queen als erster Earl of Beaconsfield geadelt. Und das war sein provokantes Credo: "Die Welt ist müde von Staatsmännern, welche die Demokratie zu Politikern degradiert hat." So schmähte er all die demokratelnden Machtmännel, die kein höheres Interesse haben, als die nächsten Wahlen zu gewinnen.