Carlos Espinoza hat den 226-Seiten-Essay von Anfang bis Ende gelesen, der Zeitungen wie die seine auf Schärfste kritisiert. Der seine Arbeit die "spielerische Banalisierung der herrschenden Kultur" schimpft. Geschrieben hat diese Zeilen kein Geringerer als Mario Vargas Llosa, Peruaner wie Espinoza, Literaturnobelpreisträger und der bekannteste Intellektuelle Perus. Er prangert den schlagzeilengetriebenen Journalismus der Gegenwart an. Und damit auch jenes Blatt, deren Chefredakteur Carlos Espinoza ist.

El Trome heißt die Zeitung, ihre Auflage: 740.000 Exemplare am Tag. Damit ist El Trome nicht nur die meistgelesene Tageszeitung im 30-Millionen-Einwohner-Land Peru, sondern auch der gesamten spanischsprachigen Welt. Seine Erfolge rechtfertigen muss ihr Chefredakteur trotzdem ständig. Zu der Kritik des Nobelpreisträgers sagt Espinoza nur: "Ich glaube, Vargas Llosa spricht ein globales Phänomen an. Die Leute wollen heutzutage Unterhaltung. Die geben wir ihnen."

Auf die Titelseiten druckt El Trome mal Gewehre, mit denen in der Nacht zuvor in Limas Chinatown geschossen wurde, daneben einen B-Prominenten im Abendkleid. Mal soll ein Exklusivbericht von der Festnahme eines anderen Prominenten schockieren, mal eine Story über die Beziehung zwischen einem Richter und einem Politiker anrühren. Immer bunt, immer wild bebildert. Immer verkauft sich El Trome gut.

Die Geschichte des Trome ist einzigartig. Kaum 15 Jahre ist das Blatt auf dem Markt, aber die Leser haben sich schon so daran gewöhnt, dass die Zeitung das Geschäft längst dominiert. Das spanischsprachige Referenzmedium El País aus Madrid verkauft nicht mal halb so viele Zeitungen. Auch in Mexiko, wo viermal so viele Menschen leben wie in Peru, kann kein Blatt nur annähernd mithalten. Zeigt El Trome nicht nur den älteren Zeitungen des eigenen Landes, deren Geschichte bis ins 19. Jahrhundert reicht, sondern allen Blättern der Welt, wie es richtig geht?

Anders als in Lateinamerika klagen Printmedien in Europa und Nordamerika seit Jahren über fallende Auflagen. Für Online-Inhalte müssen sich erst noch funktionierende Betriebsmodelle finden, gleichzeitig schrumpft in vielen reichen Ländern das Anzeigengeschäft. Weltweit nahmen dagegen laut der World Association of Newspapers die Auflagenerlöse aller Printmedien im vergangenen Jahr leicht zu. Die Verkäufe von Zeitungen übertrafen dabei zum zweiten Mal in Folge die Einnahmen durch Inserate. Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind asiatische Märkte wie in China oder Indien; aber eben auch Lateinamerika. Zeitungen florieren dort, wo das Internet noch keine flächendeckende Alternative bietet. In Peru etwa nutzen 41 von 100 Einwohnern das Internet, in Deutschland sind es 88. In Lateinamerika erreichen Zeitungen das größte Publikum weltweit. Leser verbringen dort durchschnittlich 20 Minuten am Tag mit Zeitunglesen, im weltweiten Vergleich ist das viel.

In dem Schwellenland Peru wuchsen die Werbeeinnahmen der nationalen Medien in den letzten fünf Jahren kontinuierlich, auch die Auflagen nahmen insgesamt zu. Der Aufstieg von El Trome aber ist unübertroffen. Gegründet wurde das Blatt von der Verlagsgruppe El Comercio, die auch die gleichnamige führende Wirtschaftszeitung des Landes herausgibt. Da dieses Flaggschiff immer nur die kleinere Schicht gebildeter Besserverdiener erreichte, entwarf man im Jahr 2001 ein neues Blatt. Seit den neunziger Jahren war in Peru eine neue Mittelklasse herangewachsen. Häufig im informellen Sektor beschäftigt, von Aufstiegsträumen getrieben, schien diese Bevölkerungsgruppe nach einer Stimme zu verlangen. Nicht durch Zufall wurde das neue Blatt auf den Namen Trome getauft, im peruanischen Slang ein Synonym für "Macher", "Anpacker", Typen, die was erreichen wollen.

Carlos Espinoza, der kurz nach der Gründung Chefredakteur wurde, will diese Klasse auf eine neue Weise ansprechen. "Unsere Leser träumen von einem netten Auto und Wohlstand, interessieren sich aber nicht wirklich für Politik. Wir müssen ihnen eine Zeitung präsentieren, die zu dieser Weltsicht passt." Zuvor arbeitete Espinoza für Ojo , eines der erfolgreichsten Sensationsblätter Perus – bis El Trome kam.

El Trome wird ausschließlich an Kiosken verkauft und nicht im Abonnement. Im Gegensatz zum Konkurrenten Ojo gibt es keine nackten Brüste im Blatt und kein Blut. Dafür hier und da Frauen in Unterwäsche und Waffen ohne Opfer. " El Trome kann von der ganzen Familie gelesen werden. Väter müssen sich nicht schämen, unsere Zeitung mit nach Hause zu bringen", sagt Carlos Espinoza.

Ein weiterer Unterschied zur Konkurrenz: "Wir schreiben so, wie unser Leser spricht, und wollen ihn durch jede Story mitreißen. Aber wir würden dafür niemals eine Geschichte erfinden." Für eine Zeitung, die sich wie eine peruanische Spielart von Bild oder dem englischen Daily Mirror versteht, ist das wohl keine Selbstverständlichkeit. Zumal sich die peruanische Presse seit der Regentschaft des Ex-Präsenten Alberto Fujimori von 1990 bis 2000, als die Regierung mehrere Zeitungen bestach, häufig gegen den Vorwurf der Unehrlichkeit verteidigen muss. Die hohe Auflage des Trome wird auch durch niedrige Verkaufspreise erreicht: Ein halber Nuevo Sol (13 Cent) kann fast jeder aufbringen. Ein weiterer Anreiz für die Käufer ist ein Los, das jedem Exemplar beiliegt. Der Gewinner ist wochentags nicht nur um 150 Euro und am Wochenende um 400 Euro reicher, sondern wird noch prominent im Blatt abgelichtet. Leser als Pseudostars.

Der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa kritisiert, dass so letztlich auch die Politik zum kurzsichtigen Spektakel voller Frivolitäten werde, weil alle Akteure mitspielen müssten, um populär zu sein. Leser wiederum würden zu zynischen, desinteressierten Bürgern, insbesondere im ohnehin skandalumwitterten Peru. In den Augen vieler Kritiker informiert El Trome seine Leser auf die Weise, wie der alte Bild- Slogan "Bild dir deine Meinung" auch zu verstehen ist. Die Zeitung gibt ihrem Publikum die richtige Meinung gleich mit.

Chefredakteur Espinoza behauptet, politisch neutral zu sein. "Wir kritisieren alle Seiten", sagt er. Bei der Stichwahl um das Präsidentenamt vergangenes Jahr ließ sich anderes beobachten. Heikel daran ist: Die Art und Weise, wie El Trome über Politik berichtet, welcher Kandidat kritisiert wird und welcher nicht, kann Wahlen entscheiden. Zu diesem Ergebnis kam eine Analyse der Harvard-Universität, die den wirtschaftlichen Erfolg des Trome untersuchte. Kein Wunder, schließlich dominiert die Verlagsgruppe, die hinter El Trome steht, 80 Prozent des peruanischen Zeitungsmarktes.

Der Autor Vargas Llosa sieht die Zukunft mehr als pessimistisch. Er schreibt in seinem Essay: "Es handelt sich dabei nicht um ein Problem, denn Probleme haben eine Lösung. Das hier aber hat keine."