Die Plätze in Hamburg sind großartig, man kann auf ihnen fast alles machen: Autos anschauen, ein Beckett-Stück inszenieren, lernen, wie man Heroin in einem Löffel zubereitet. Nur eine entspannte Mittagspause, das ist nicht drin. Hamburger Plätze hegen einen tief sitzenden (ja, das ist ein Wortspiel), flächendeckenden Hass gegen den einfachen Bürger und seinen Wunsch, im Frühling oder im Sommer ein paar Minuten draußen zu sitzen.

Es muss eine panische Angst bei Stadtplanern, Architekten und sogenannten Kuratoren geben, der öffentliche Raum könnte zweckfrei genutzt werden. Sieht man sich Hamburgs Plätze genauer an, begreift man: Es sind Trainingsareale für den puritanischen Verzicht. Keine Bequemlichkeit, keine Schönheit, keine Muße. Wer einfach nur dasitzen und die Kulisse bestaunen will, der soll sich zu Hause irgendwas aus Lego bauen. Das Rathaus zum Beispiel.

In Wirklichkeit steht das Rathaus am Rathausmarkt, und das ist die erste Kategorie von ästhetischer Abwegigkeit und Verhunzungsfuror: der Eventplatz. Eventplätze sind Spielflächen für Ereignisse, die man nur jenseits der Zwei-Promille-Grenze amüsant findet. Beim Rathausplatz war das lange Zeit das Weinfest. Mal sehen, was sich die Stadt als Nächstes einfallen lässt, um Dezibel, Alkohol und Tourismus zu einer infernalischen Mischung zusammenzubrauen. Fallen die Events weg, herrscht Ödnis und Leere, der Rathausmarkt ist eigentlich nur eine Transitzone: Man will schnell von A nach B und muss da eben durch.

Kategorie zwei: der Autoplatz. Hinter dem Rathaus, vor der Börse, liegt der Adolphsplatz, eine wunderschöne, geschichtsträchtige Anlage, mit prächtigen hellen Backsteingebäuden drum herum. Eigentlich wäre dieser Ort ideal für ein schickes, lässiges Café-Vergnügen. Die Stadt entschied sich jedoch für eine Durchgangsstraße.

Oder der Burchardplatz, gleich neben dem Chilehaus. Mit viel Aufwand wurde das Areal zum Weltkulturerbe befördert, in jeder anderen Stadt gäbe es hier einen Biergarten, Cafés oder wenigstens ein paar Bänke. In Hamburg wird dieser Platz mit Karossen befüllt. Stoßstangen vor Kontorhausfassaden – das ist so trist, das finden nicht mal mehr Hipster aus Berlin interessant.

Kategorie drei: der Kunstplatz. Wenn schon hässlich, unverständlich und ungemütlich, dann wenigstens mit Anspruch. Auf dem Ida-Ehre-Platz, schräg gegenüber von Karstadt an der Mönckebergstraße, stehen ein Sitzrondell und ein Stahlobjekt.

Schwer zu sagen, was befremdlicher ist: das viel zu knapp bemessene Holzbänkchen, das versucht, einen Baum zu erwürgen? Oder das Kunstgebilde, das selbst Graffitisprayer verschmähen?

Gleich gegenüber liegt der Gerhart-Hauptmann-Platz mit gepflasterten Betonwellen und fest installierten Stühlchen, die wirken, als hätte man sie in den siebziger Jahren von einem Spielplatz in Bitterfeld geklaut. Gibt es eine sinnvolle, die Restwürde nicht komplett zersetzende Weise, auf diesen Schemeln Platz zu nehmen? Wenn ja, teilen Sie es uns bitte mit. Bitte!*

Kategorie vier: der Designplatz. Auf den Designplätzen versucht die Stadt, alles wiedergutzumachen, was sie in der Innenstadt verhunzt hat, mit dem Erfolg, dass man sich dort am Ende noch unwohler fühlt. Designplätze findet man vorzugsweise in der HafenCity, siehe die Magellan-Terrassen: verschiedene Ebenen, komisches Pflaster und obenherum so ein Metallgedengel, als sei eine Achterbahn für Kleinwüchsige nicht rechtzeitig fertig geworden.

Fazit: in der Innenstadt Verwahrlosung, in der HafenCity Überfrachtung an Design. Urbanität, verstanden als mit den Mitteln der Architektur kuratierte soziale Nähe, lässt sich nicht herbeizwingen.

Zum Glück, lässt sich wenigstens der schönste Platz der Stadt nicht verbauen: die Alster.

*Draußen nur Wännchen. So heißt unsere Aktion zur Frage: Was kann man Schönes auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz machen? Schicken Sie ein Foto an hamburg@zeit.de. Die besten Ideen werden prämiert