Prominente Abschreiber sind gut fürs Geschäft, zumindest für das von Stefan Weber. Seit bekannt wurde, dass Bogdan Roščić, der designierte Direktor der Wiener Staatsoper, Teile seiner Dissertation bei einer älteren deutschen Doktorarbeit abgekupfert haben soll, kann sich Weber vor Nachfragen kaum noch retten. Der Salzburger Medienwissenschaftler und Privatdozent der Universität Wien ist Plagiatsjäger, einer der bekanntesten im deutschsprachigen Raum. Er hat viele überführt, elf Titel sind bislang aufgrund seiner Recherchen aberkannt worden, und viele Verfahren laufen noch. "Ich kann die Anfragen gar nicht mehr alle einzeln beantworten", sagt Weber. Wer eine wissenschaftliche Abschlussarbeit von ihm überprüfen lassen möchte, der muss derzeit ein halbes Jahr warten.

Die Dissertation von Bogdan Roščić sei besonders dreist, sagt Weber, "so etwas sehe selbst ich nicht alle Tage". Roščić hat im Jahr 1988 an der Universität Wien über Gesellschaftstheorie als Kritische Theorie des Subjekts – Zur Gesellschaftstheorie Th. W. Adornos promoviert. Seitdem stellte er den Doktortitel stets seinem Namen voran. Er wurde Journalist, leitete den Radiosender Ö3 und ist heute Musikmanager bei Sony. Im Jahr 2020 soll er die Direktion der Wiener Staatsoper übernehmen. Seit ein paar Wochen wird aber nur noch über die ersten neun Seiten seiner fast 30 Jahre alten Dissertation gesprochen – fünf davon sollen nahezu komplett abgeschrieben sein.

Wieder herrscht Hektik in akademischen Zirkeln: Haben Universitäten ein Problem mit wissenschaftlichen Standards? Wurden Doktortitel leichtfertig vergeben? Oder ist die Suche nach Plagiaten eine Hexenjagd, die Karrieren unliebsamer Personen zerstören soll? Redliche Aufklärung und Denunziation trennt oft nur ein schmaler Grat. Wer einmal des Plagiats beschuldigt wurde, der wird den Ruf nur noch schwer los.

Gerade in Österreich werden akademische Weihen wie Trophäen nach erfolgreicher Jagd vorgeführt, sie stehen auf Visitenkarten, im Reisepass und an der Haustür. Die Titelverliebtheit wird gehegt und gepflegt, sie ist aus dem gesellschaftlichen Leben nicht wegzudenken. Umso schwerwiegender der Vorwurf, sich dieses schmucke Beiwerk auf unredliche Weise verdient zu haben.

Plagiate sind aber kein neues Phänomen. Seit ihrer Gründung haben Universitäten damit zu kämpfen. Die Website Historioplag sammelt historische Fälle, der erste geht zurück auf das Jahr 1265. Ein italienischer Chirurg kopierte passagenweise von einem Kollegen, er "raubte alles", schrieb ein französischer Arzt, der die Übereinstimmungen ein knappes Jahrhundert später entdeckt hatte.

Mit der Digitalisierung wurden Plagiate einfacher, die Bibliotheken der ganzen Welt stehen mittlerweile zur Verfügung. Aber auch die Plagiatsjäger haben nachgerüstet. Wer früher aus der Dissertation einer weit entfernten Universität abschrieb, konnte sich ziemlich sicher sein, nicht erwischt zu werden. Doch mittlerweile werden auch alte Abschlussarbeiten digitalisiert, landen im Netz, und so können lange vergessene Sünden aus Studententagen zum Stolperstein werden – wie im Fall Roščić.

Spätestens seit dem Fall des früheren deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, der wegen seiner Dissertation Doktortitel und Ministerposten abgeben musste, ist der Berufsstand der Plagiatsjäger bekannt und gefürchtet zugleich. Manche betreiben die Jagd ehrenamtlich, wie die Mitglieder von Vroniplag, einer Onlineplattform, auf der sich jeder an der Suche beteiligen kann. Andere haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht, so wie Stefan Weber. Die Kosten steigen, je älter, dicker und weiter weg von Webers eigenem Fachgebiet eine Arbeit sei, sagt er. Eine schnelle Überprüfung mithilfe von Computerprogrammen koste zwischen 200 und 600 Euro, eine händische Überprüfung bis zu 5.000 Euro. "Das ist dann ein monatelanger Prozess, für den ich auch alte Dissertationen einscanne."

Wer die Nachforschungen in Auftrag gibt, weiß Stefan Weber meist nicht. "Oft sind es Anwaltskanzleien", sagt er, "woher das Geld für die Recherche kommt und wer dahintersteht, ist mir aber wurscht." Er weiß natürlich, dass es den Auftraggebern kaum einmal um wissenschaftliche Redlichkeit geht, auch dann nicht, wenn die Vorwürfe aus akademischen Kreisen kommen. "Wenn Leute innerhalb der Wissenschaft bei anderen nach Plagiaten suchen, geht es oft um Forschungsmittel, Streit unter Co-Autoren oder Berufungen auf Professuren", sagt Weber. "Aber dennoch gilt: Wenn ein Plagiat gefunden wird, ist die Motivation für die Untersuchung irrelevant."