Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

"Was soll ich denn wählen? Die Grünen sind so pessimistisch." Die Tochter ist ratlos, ich versuche nicht ganz so ratlos zu sein und sie aufzuheitern. "Findest du das optimistisch: 'Brüder, zur Sonne, zur Freiheit/ Brüder, zum Lichte empor!/ Hell aus dem dunklen Vergangnen/ Leuchtet die Zukunft hervor'? Oder das hier: 'Schon erglüht die rote Sonne/ flammend am Horizont./ Kämpft, Genossen, Sturmkolonne,/ Rot-Front! Rot-Front!' – Solcherlei haben wir in der Schule gelernt, es war mir damals schon unheimlich, schien mir aber dazuzugehören. Die Beschwörung einer leuchtenden Zukunft, die große Erwartung an das Kommende, unmittelbar vor uns Liegende, dies große SCHON …"

– "Die Grünen reden immer vom großen NOCH, das es zu bewahren gelte. Für die ist Zukunft nur dann positiv denkbar, wenn sich ein ohnehin unabwendbarer Verlust wenigstens ein bisschen verringern lässt. Das ist mir zu wenig." – "Welche Partei würdest du denn wählen, wenn es sie gäbe?"

– "Eine Partei, die die Zukunft nicht so schwarzmalt, die immerhin offenlässt, was wir daraus machen, und mehr, die ein paar brauchbare Vorschläge macht, wie man glücklich werden kann ohne den ganzen Schnickschnack, mit dem die großen Konzerne auf unsere und der Umwelt Kosten ihr Geld machen. Eine Partei der Lebensfreude, die würde ich wählen. Und dann würde ich gern einmal im Jahr für ein paar Wochen für Kost und Logis auf einem Bio-Hof arbeiten, damit wir uns den Ausstieg aus der Massentierhaltung leisten können und ich neue Leute kennenlerne ohne Social Media. Und mich durch körperliche Arbeit an frischer Luft gesund erhalte ohne Fitnessprogramme …"

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

– "Da schrillen alle Alarmglocken der politischen Korrektheit, das klingt hierzulande viel zu sehr nach Arbeitsdienst und BdM. LPG 'Frohe Zukunft' hieß das in der DDR, es wurde dann aber eine unfrohe, festgefahrene Gegenwart daraus, ganz anders, als man es sich so schön ausgedacht hatte."

– "Na und? Darf man sich jetzt gar nichts Schönes mehr ausdenken?"

– "Gerade in Deutschland haben visionäre Parteien viel Schaden angerichtet. Will sagen: Auch die Grünen beschränken sich hier wohlweislich auf den sogenannten Pragmatismus. Sie wissen, warum sie uns nichts von den künftigen Freuden einer grünen Lebensart vorschwärmen …"

– "Oberlangweilig, Sir Charles Popper lässt grüßen. Man muss den Leuten schmackhaft machen, was da vor ihnen liegt! Wozu sollten sie sonst morgens aufstehen und all das Ungemach auf sich nehmen, was dem Aufstehen gemeinhin folgt? Genug geschwätzt: Ich gründe eine Partei!" – "Tu es, dann gründest du keine Partei, sondern eine Kirche."